Das ist ein Grundlagentext, um einen Großteil der Sinfonien, Sonaten, Streichquartette etc. zu verstehen. Hier machen Sie sich mit der standardisierten Sonatenhauptsatzform vertraut.


Hunderte Sinfonien, Sonaten, Streichquartette – wie soll man die alle verstehen können? Die gute Nachricht ist: Sehr viele der Hauptwerke, die in unseren Konzerten erklingen, folgen in ihren Hauptsätzen (dem ersten und dem letzten) einer besonderen Form: der standardisierten Sonatenhauptsatzform. Wenn Sie diese verstanden haben, können Sie sich nach einigem Hör-Training schnell in einem Satz zurechtfinden. Über den Aufbau der mittleren Sätze erfahren Sie etwas in dem Text „Für Klassik-Einsteiger: Die wichtigsten Grundbegriffe“


1) Die standardisierte Sonatenhauptsatzform

Die Sonatenhauptsatzform hat sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt. Zu Beginn noch vielfältig angewandt, wurde sie im Lauf der Zeit immer standardisierter. Die standardisierte Form werden Sie gleich kennenlernen. An ihr haben sich unzählige Komponisten im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert orientiert. 


Im neunzehnten Jahrhundert stehen die jeweils ersten und letzten Sätze eines Werkes (Sinfonie, Streichquartett, etc.) in der Sonatenhauptsatzform.


Zuallerest: Lernen Sie folgende Begriffe in dieser Reihenfolge auswendig.

  • Langsame Einleitung („Introduktion“)
  • Exposition = Vorstellung 
  • Durchführung = Verarbeitung
  • Reprise =Wiederkehr
  • Coda = Schlussteil 

Wie Sie sehen können, besteht die Sonatenhauptsatzform ursprünglich aus drei Hauptteilen (gefettet) und zwei Rahmenteilen, die entfallen können.

Die standardisierte Sonatenhauptsatzform im 19. Jahrhundert ist jedoch fast immer mindestens vierteilig, das heißt: Sie besitzt eigentlich immer eine „Coda“.

Manchmal kann die Sonatenhauptsatzform um eine Langsame Einleitung (auch „Introduktion“ genannt) ergänzt werden. Das wird in den Einführungen dann gesondert angegeben.


Die langsame Einleitung (Introduktion)

Die eigentliche Sonatenhauptsatzform, die meist im bewegten Tempo abläuft, kann durch eine langsame Einleitung eröffnet werden. Diese erklingt, wie der Name schon sagt, in einem (viel) langsameren Tempo. Die Introduktion kann entweder die Stimmung des Satzes vorbereiten, oder umgekehrt auch in einer total gegensätzlichen Stimmung stehen. Manchmal wird hier das erste Thema der Exposition angekündigt.


Die Exposition

In der Exposition werden die wichtigsten Melodien (Themen) vorgestellt.


Die Durchführung

In der Durchführung werden die Themen der Exposition dramatisiert und verarbeitet. Oft werden die Themen in Einzelteile (Motive) zerlegt und neu kombiniert.


Die Reprise

Die Reprise ist eine mehr oder weniger variierte Wiederaufnahme der Exposition. Oft verändert sich hier die Tonartendisposition – doch das spielt für unser Hören vorerst keine Rolle. 


Die Coda

Die Coda ist ein frei eingefügter Schlussteil, der ab dem 19. Jahrhundert eigentlich immer vorkommt. Sie kann kurz oder länger sein. Manchmal ist die Coda sogar eine zweite Durchführung. 


Diese Teile (Coda, Durchführung, Exposition, Reprise, etc.) werden auch in anderen Zusammenhängen verwendet. So kann jede Satzform eine „Langsame Einleitung“ besitzen oder mit einer Coda enden. Wird ein Teil nach Zwischenspielen wiederholt, kann man von einer Reprise sprechen, etc.


Der Aufbau der Exposition. 

Eine Exposition besteht aus Themen (Hauptmelodien) und Überleitungsmaterial. Für das erste Hören ist es wichtig, dass Sie die „Themen“ heraushören.

Eine Exposition beginnt immer mit dem ersten Thema/Hauptthema. So sieht ihr Aufbau aus:

  • Erstes Thema/Hauptthema
  • Überleitung
  • Zweites Thema/Nebenthema
  • Schlussgruppe

Beide Themen sind gegensätzlicher Natur. Vereinfacht gesagt: Mann trifft Frau. Das „erste Thema“, auch „Hauptthema“ genannt, wird nämlich oft als männlich charakterisiert. Das „zweite Thema“ („Nebenthema“) ist dementsprechend eher weiblich – also besonders melodisch und eher lyrisch gehalten. Das „erste Thema“ kann kämpferisch sein, oder lyrisch, je nach Grundcharakter des Satzes: Der „Mann“ könnte also ein „Kämpfer“ sein, oder ein „Poet“… (Diese Beispiele sind Annäherungen, damit Sie sich das Prinzip leichter merken können…)

Das „erste Thema“ und das „zweite Thema“ gehen nicht ineinander über. Zwischen beiden Themen gibt es die „Überleitung“. Diese baut eine Spannung auf und ist weniger melodisch.

Das „zweite Thema“ mündet in eine „Schlussgruppe“.

Der Aufbau der Reprise ist vergleichbar dem der Exposition. 

Manchmal ist eine Wiederholung der Exposition vorgeschrieben – das ist jedoch eine Konvention, an die sich die Musiker nicht halten müssen. 

Deutlich seltener begegnet man Expositionen mit drei Themen: etwa in den Sinfonien Bruckners (hier ließ sich der Komponist von der christlichen Dreifaltigkeitslehre inspirieren), in Hindemiths Sinfonie „Mathis, der Maler“ (in Anlehnung an das dort verwendete Lied „Es sungen drei Engel“) und im ersten Satz der populären neunten Sinfonie von Antonin Dvorak „Aus der neuen Welt“.

Expositionen mit nur einem Thema kommen hingegen viel öfter vor. Ihnen ist ein eigener Kapitel in der „Klassikakademie“ gewidmet: „Mord in Hollywood: Film, Rede, Exposition“

Ab und zu kommen mehr als zwei Themen vor, die sich zu übergeordneten Themengruppen ergänzen. Wir sprechen dann von Thema 1a und 1b, Thema 2a und 2b, etc. 


2) Ihr Umgang mit dem „Werk der Woche“

1) Beim Hören kommt es zuerst darauf an, dass Sie das erste und das zweite Thema heraushören.

2) Oft sind Überleitungen lang und reichhaltig, auch die Schlussgruppe kann aus vielen Teilen bestehen und regelrecht zerklüftet wirken. Lassen Sie sich davon nicht irre machen – Sie können diese Teile sogar zu Beginn ignorieren. Noch einmal: Themen sind wichtig.

3) Gehen Sie den „Anmerkungen“ in den Beschreibungen nach. Sie drehen sich um die Kunstaspekte der Musik. Hier werden Wunder gepriesen und Fehler beweint.


Nun geht’s los!

Die Beschreibung eines konkreten musikalischen Satzes (hier gleich: des ersten Satzes aus Tschaikowskis Sinfonie Nr. 3) beginnt beim Papa-Haydn fast immer mit:

  • der originalen Tempobezeichnung (oft auf italienisch)
  • Bestimmung der Form (etwa: Sonatenhauptsatzform)
  • Vorstellung der Hauptthemen (meist der Hauptthemen aus der Exposition)
  • Vorstellung der Exposition
  • Bestimmung der restlichen Formteile (Langsame Einleitung, Durchführung, etc.), die alle zusammen den ganzen Satz ergeben.

Hier ein Beispiel:

Tschaikowskis dritte Sinfonie

Erster Satz: Introduzione e Allegro

Sonatenhauptsatzform mit langsamer Einleitung.

Erstes Thema stolzes, etwas schwerfälliges, russisches Thema (Das Ende des Themas wird hier absichtlich nicht angegeben. Es lässt sich nicht immer eindeutig festlegen. Merken Sie sich vor allen den Beginn der Themen)

Zweites Thema sanftes, „weibliches“ zweites Thema, das in Moll beginnt und dann aufblüht. Es wird von leisen Polonaise-Rhythmen (im geraden Takt) begleitet.

Hören Sie sich im Folgenden noch nicht den ganzen Satz an. Konzentrieren Sie sich zu Beginn zuerst auf die Exposition – besitzt diese wie im konkreten Fall eine Langsame Einleitung, dann ignorieren Sie diese erst einmal und setzen direkt an der Exposition an. Hier versuchen Sie das erste und das zweite Thema zu erkennen – ob und wie Sie mit der Schlussgruppe zurechtkommen, ist vorerst zweitrangig.

1) Exposition  (bis etwa 7;02).

Nun gehen Sie weiter und  hören den BEGINN (etwa 2 Sekunden) der Durchführung, den BEGINN der Reprise und den BEGINN der Coda. Versuchen Sie sich diese Anfänge (sie sind oft auffällig gestaltet) einzuprägen:

2) Durchführung (bis etwa 9;19); Reprise (bis etwa 12.02); Coda 

Sie haben sich die Anfänge der Durchführung, Reprise und Coda gut eingeprägt? Dann können Sie nun den ganzen Satz hören. Ignorieren Sie dabei die angegebenen Zeitangaben und versuchen Sie sich von selbst einigermaßen durch den Satz hindurchzuhören. Erst wenn Sie so nicht zurecht kommen, nehmen Sie die Zeitangaben zu Hilfe.

Langsame Einleitung mit Überleitung (bis etwa 3;33); Exposition  (bis etwa 7;02); Durchführung (bis etwa 9;19); Reprise (bis etwa 12.02); Coda 

Und nun lesen Sie die Anmerkungen.