Was haben Filme mit Musik gemeinsam? Beide dramatisieren Zeit – und greifen dabei auf antike Rhetoriken zurück. Spannungsbögen werden gebaut, falsche Spuren gelegt und ewig lockt das Weib: wie bei Hitchcock und Billy Wilder, so auch bei Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert. Bereits ein Blick auf die Exposition der Sonatenhauptsatzform enthüllt amüsante Parallelen.


Konzentrieren wir uns also noch einmal auf diesen besonderen Teil der Sonatenhauptsatzform: die Exposition. Diesen Aufbau haben Sie bereits kennengelernt:

  • Erstes Thema
  • Überleitung
  • Zweites Thema
  • Schlussgruppe

Als sich die Sonatenhauptsatzform im 18. Jahrhundert entwickelt hatte, sah die Exposition oft noch etwas anders aus:

  • Erstes Thema
  • Überleitung
  • Zweites Thema
  • Schlussgruppe

Der Unterschied zum vorherigen Modell ist: Das zweite Thema fiel weg. Deshalb spricht man auch von der „monothematischen Exposition“. In deren Verlauf wurde das erste Thema gesteigert. Ziel dieser Steigerung war die Schlussgruppe, die ich deshalb im Schriftbild oben hervorhob.

Was meint nun der Satz “ In deren Verlauf wurde das erste Thema gesteigert“ konkret?

Rhetorische Ursprünge

Die Musik des 18. Jahrhundert ahmt die Rede nach: eine Predigt, eine Ansprache an die Wähler, oder eine Verteidigung bei Gericht zum Beispiel. Stellen wir uns letztere vor. Der Verteidiger (Redner) beginnt mit seiner Hauptthese (Behauptung):

  • Behauptung: „Mein Mandant ist unschuldig. Punkt.“
  • Daraufhin liefert er eine Argumentenkette, die seine Behauptung belegen soll. Diese mündet in einer
  • Bestätigung bzw. einem Beweis. Rhetorisch gesehen ist der Beweis ein triumphierender Ausruf:  „…und deshalb ist mein Mandant unschuldig!!! Yeah!“

Die „Bestätigung“ ist somit das Gleiche wie die „Behauptung“ („Mein Mandant ist unschuldig“, „…und deshalb ist mein Mandant unschuldig“), nur zusätzlich rhetorisch gesteigert.

  • Hauptthema (vormals „erstes Thema“)
  • Überleitung
  • Schlussgruppe

ist rhetorisch betrachtet:

  • Behauptung („Punkt.“)
  • Argumentenkette, Beweisführung
  • Bestätigung, Beweis („Yeah!“)

Zwischen der Behauptung und der Bestätigung steigt die Spannung.

Aus diesem Grund sind die Schlussgruppen selbst noch im 19. Jahrhundert oft so jubelnd.

Der finnische Redner

Wohlgemerkt: Hier geht es weniger um die Inhalte, als um die Mechanik einer Rede. Die Beweisführung darf löchrig sein, wichtig ist einzig, dass der Redner sie überzeugend zu präsentieren versteht. Ein großer Redner muss weniger ein genialer Logiker als ein brillanter Schauspieler sein. Kommt beides zusammen, umso besser, wenn nicht, dann ist der große Redner eben auch ein großer Scharlatan. Sei es drum. Hier geht es um Wirkungen der Rede – und da kommt die Führung der Stimme ins Spiel: die Musik der Worte.

Stellen wir uns einen genialen Redner aus Finnland vor – das Beispiel gilt nur, wenn Sie kein Finnisch verstehen. Ansonsten weiß man ja, dass die Finnen eher schweigen, unser genialer Redner ist also ein wirklich bemerkenswerter Mensch.

Er redet. Sie verstehen kein Wort. Aber weil er brillant seine Rede vorzutragen weiß, weil seine Stimme bricht, oder sich überschlägt, weil er seine Hände benutzt und hin und her geht, schreit, flüstert, unsicher wird und schließlich triumphiert – deshalb hören Sie gebannt zu, ahnen, ob er gerade mit einer kühnen These schockt, einen Beweis verkündet oder sich in seiner Argumentation verlaufen hat, bevor er gleich mit einer brillanten Pointe schließt. Sie hören zu, sind gebannt und zu Tränen gerührt und es ist vollkommen gleichgültig, dass es nur um Sandkörnern ging, die an einem finnischen Strand gezählt wurden, denn vom Inhalt haben Sie ja nichts verstanden.

Weil: Der gute Redner redet weniger, als dass er singt. Und ebenso ist die Sonatenhauptsatzform gleichzeitig Sprache und Musik, das heißt: Musik des achtzehnten Jahrhunderts hören Sie auf die gleiche Weise, wie Sie unserem genialen Finnen zuhören.

Der Einwand: Das zweite Thema.

Die monothematische Exposition war ursprünglich die Regel. Doch konnte sich plötzlich, mitten in der Argumentenkette, ein kleiner Einwand einschleichen. Eine winzige Unsicherheit im Verlauf der Rede, eine Selbstbefragung. Diese wurde dann meist schnell beiseitegewischt. Oft baut der Redner sogar den Einwand bewusst ein, um die Spannung beim Publikum zu steigern, bevor er dann stolz den Beweis präsentiert und umso kräftiger bestätigend jubeln kann. Das sieht dann so aus:

  • Behauptung („Punkt.“)
  • Argumentenkette, Beweisführung
  • Bestätigung („Yeah!“)

wird ergänzt:

  • Behauptung („Punkt.“)
  • Argumentenkette, Beweisführung
  • Einwand/Hinterfragung
  • Bestätigung („Yeah!“)

Aus diesem „Einwand“ entstand dann das zweite Thema. Also

  • Erstes Thema
  • Überleitung
  • Zweites Thema
  • Schlussteil

Wenn man sich diese Hintergründe verdeutlicht, dann wird einiges klar:

  1. Das „zweite Thema“ war ursprünglich eine Option, aber keine Pflicht. Wesentlich war das erste Thema – auch Hauptthema genannt.
  2. Der eigentliche Höhepunkt der Exposition (gilt alles auch für die Reprise) ist der Schlussteil. Hierhin zielt die rhetorische Entwicklung (Spannungssteigerung) der Musik.
  3. Das zweite Thema ist eine Ablenkung auf dem Weg zum Höhepunkt/zur Bestätigung.

Das zweite Thema: ein zweiter Höhepunkt 

Im Laufe der Zeit fand eine Akzentverlagerung statt.

Aus

  • Erstes Thema
  • Überleitung
  • Zweites Thema (Einwand)
  • Schlussteil

wurde

  • Erstes Thema
  • Überleitung
  • Zweites Thema
  • Schlussteil

Das „zweite Thema“ wurde immer wichtiger – oft markiert es sogar den eigentlichen Höhepunkt der Exposition und wird melodisch hervorgehoben. Der Schlussteil verlor an Gewicht und konnte schließlich zu Gunsten einer langen „zweiten Themengruppe“ weggelassen werden. (Beispiel: Tschaikowskis Sinfonie Nr. 6 „Pathetique“)

Diese Akzentverschiebung lässt sich auch so beschreiben:

Im 18. Jahrhundert war die Exposition vor allem rhetorisch gestaltet: Hier dominierte das erste Thema und das zweite blieb weg oder war eher episodisch (Ausnahmen: Mozart und Schubert)

Im neunzehnten Jahrhundert wurde die Exposition eher melodisch begriffen. Nun werden oft ausdrucksvolle zweite Themen komponiert.

Neulich im Kino

Diese rhetorischen Ursprünge haben ihre Wurzeln in der griechisch-römischen Antike. Sie prägen bis heute die Dramaturgie unserer Alltagswahrnehmung – auch in der Kunst. Nehmen wir uns einen Kriminalfilm vor. Dessen Grundstruktur wird etwa so sein:

  • Ein Mord findet statt
  • Detektiv sammelt Hinweise und spinnt Beweisketten
  • Detektiv präsentiert den Mörder (Yeah!)

Während der Detektiv die Beweise sammelt, findet eine Spannungssteigerung statt – oft gibt es Gefahren zu bestehen. Je näher man zum Schluß gelangt (Aufdeckung des Mörders; Präsentation des Beweises, dass x der Mörder ist) desto spannender wird das Geschehen inszeniert. So ist das Ergreifen des Mörders eine rhetorische Steigerung: der Höhepunkt des Films.

Übrigens irrt sich der Detektiv oft. Ihm passieren Trugschlüsse, er hält Unschuldige für Mörder etc. Das „Sammeln von Hinweisen/Spinnen von Beweisketten“ ist eine spannende Sache. Das werden wir auch in der Musik wiederfinden.

In bestimmten Filmen kann diese Grundstruktur erweitert werden und zwar so:

  • Ein Mord findet statt
  • Der Detektiv sammelt Hinweise und spinnt Beweisketten
  • dabei verwirrt ihn eine geheimnisvolle Femme fatale, die er liebt und/oder tötet
  • der Detektiv präsentiert den Mörder (Yeah!)

Sie haben es bestimmt längst gemerkt: Die „Femme fatale“ bildet hier natürlich das Pendant zum zweitem Thema in der Exposition. Manchmal wird sie zu einem zweiten Schwerpunkt der Geschichte und der Krimi verwandelt sich in eine große Liebesgeschichte; manchmal fehlt die Femme fatale ganz; manchmal bleibt sie auch nur eine Episode: Der Detektiv, ein regelrechtes Macho vor dem Herrn, schläft wohl mir ihr, vielleicht leistet er sich sogar mehrere solcher „Episoden“, doch hat er dabei natürlich jederzeit die Mördersuche streng im Blick!

Wir schauen uns solche Geschichten an und gehen damit um, dass die Spannungskurve gesteigert oder unterbrochen werden kann. Diesen Reichtum in der Wahrnehmung gilt es auch in der Musik zu schulen – konkret an der Exposition einer Sonatenhauptsatzform.

Thema oder Episode?

Je näher wir an der Musik um 1800 dran sind, desto wichtiger wird es, beide Expositionsformen (monothematische und die mit zwei Themen) parat zu haben. Denn auch eine Exposition mit zwei Themen kann von der Energieverteilung her eine monothematische Exposition sein – ein zweites Thema ist zwar vorhanden, aber doch nur als kleine Episode. Wichtig ist also, ein Gefühl für das zweite Thema zu entwickeln: Ist dieses ein zweiter, zusätzlicher Schwerpunkt, oder bleibt es eher episodisch? Hier spielen individuelle Vorlieben eine Rolle:

Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven denken eher monothematisch. Bei ihnen ist ein zweites Thema a) entweder gar nicht vorhanden, b) nur knapp gehalten, oder c) es verfestigt sich gar nicht zum richtigen Thema, sondern bleibt nur eine kurze Episode in einer monothematischen Sonatenhauptsatzform (in Beethovens siebter Sinfonie). Manchmal ist bei Beethoven das zweite Thema keine Hinterfragung, sondern im Gegenteil ein zusätzliches, bestätigendes Argument (Beethoven, zweite Sinfonie).

Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert lieben eigenständige zweite Themen. Schubert lässt regelrechte Gegenwelten entstehen, während Mozart, etwa in den späten Klavierkonzerten, mehrere Hauptthemen instaliert, dazu oft noch zusätzliche Episoden –  musikalische Landschaften mit Bergen (Themen) und Hügeln (Episoden).

Die Musik von Haydn und Beethoven wirkt deshalb oft konzentrierter, aber ärmer, die von Mozart und Schubert reicher, aber schweifender (verkürzt, nicht wertend).