8.12. 2017 Brandenburgische Konzerte von J. S. Bach. Mit „l’arte del mondo“. Einführung um 17:40/18:10


Bachs Brandenburgischen Konzerte zählen zu den bedeutendsten Konzerten überhaupt. Sie variieren das barocke Modell des „Concerto Grosso“ auf vielfältige Weise. „Concerto Grosso“ meint: Einem Streichorchester werden mehrere solistische Instrumente gegenübergestellt. Wäre es nur ein Instrument, spräche man von einem „Solokonzert“.

Bachs Konzerte lassen sich in zwei Dreier und drei Zweiergruppen unterteilen:

Das dritte und sechste Konzert schließen je eine Dreiergruppe ab. Beide ergeben eine eigene Zweiergruppe.

Hier zeigt sich eine Eigenheit des barocken Denken. Man schätzt Systematik, Symmetrie, Geometrie, Übersichtlichkeit – auf der einen Seite. Denn man liebt auch Irrgärten, Asymmetrien, Überwältigung, Fülle, Leidenschaft. Der Spruch „Man sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht“ könnte uns etwas abgewandelt helfen. Es ist eine Metapher: Der Barock liebt klar zugeschnittene „Wälder“, die aus der Vogelperspektive symmetrische Ordnungen bilden. Geht man jedoch in einen dieser „Wälder“ hinein, dann verläuft man sich schnell und wird von der Fülle der Eindrücke erschlagen.

Die Wahl der Soloinstrumente Hörner (1) und Trompete (2) zeigt es an: Die Konzerte 1-2 sind königlich barock. Deshalb eröffnen sie auch die Folge.

Die Konzerte 4-5 nähern sich eher dem intimeren, höfisch-galanten Rokoko-Stil. Hier überblenden sich zwei Konzertformen: das barocke Concerto Grosso und das modernere Solokonzert.

Die Konzerte 3+6 erneuern das zu Bachs Zeit bereits veraltete „Gruppenkonzert“. Es spielen nur Streicher.

Zu den einzelnen Konzerten:

Nr. 1 F-Dur. Das erste Konzert kombiniert die italienische Concerto-Grosso-Form mit der französischen Suite. Zu den üblichen drei Sätzen (schnell, langsam, schnell), gesellt sich ein französisches Menuett mit zwei Trios (hier wirklich „Trios“ – also drei Instrumente, bzw. Klangkörper) und einer „Polacca“ (einer Polonaise).

Das Konzert stellt dem Streichorchester zwei Gruppen gegenüber: 1) zwei Hörner, 2) drei Oboen (+ ein Fagott). Im zweiten und dritten Satz kommt noch die solistisch geführte Piccolo-Violine hinzu.

Es ist wohl das erste Konzert mit Hörnern überhaupt. Die Hörner werden oft mit typischen Fanfaren als Jagdinstrumente eingesetzt. Deshalb ist es auch ein königliches (höfisches) Jagdkonzert.

Bereits der Beginn ist einzigartig. Bach lässt die Hörner rhythmisch gegen das übrige Orchester agieren. Dadurch entsteht ein klanglicher Chaos. Er steht für den Chaos und den Lärm (Hunde, Reiter, Treiber, Jäger), direkt bevor die Jagd beginnt. Dieser Beginn hat die Musiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor Probleme gestellt.“J.S. Bach“ und „Chaos“ kam für sie nicht zusammen. Man hatte damals ein sehr statisches, erhabenes Bachbild. So ließ man die Hörner weit weg spielen, damit sie möglich wenig „stören“ und eben kein Chaos entsteht. In Aufnahmen regulierte man die Hörner dementsprechend herunter. Vergleichen Sie diese beiden Aufnahmen: eine ältere und eine neuere.

Der zweite Satz ist eines der schönsten langsamen Sätze dieser Sammlung. Harnoncourt meint, dass das ein Lamento für die toten Tiere ist. So merkwürdig das klingt, kann ich ihn verstehen. Es ist nämlich ungewöhnlich, dass das Basso Continuo ebenfalls lamentiert. Das klingt dann fast wirklich wie ein Tier.

Nr 2. F-Dur. Hier kann man schön das barocke Prinzip des Spaltklangs sehen. Es geht darum, eine möglichst große klangliche „Buntheit“ herzustellen, die das Reichtum darstellt (siehe auch den Text zum Weihnachtsoratorium). Hier stehen einem Streichorchester gegenüber: eine Trompete, eine Blockflöte, eine Oboe und eine Violine. Wieder waren die Musiker zu Beginn des letzten Jahrhunderts verwundert: eine Trompete und eine Blockflöte musizieren gleichberechtigt? Aber die Trompete erschlägt doch die kleine Blockflöte! Nicht wenn es eine echte Barocktrompete in F ist, die man inzwischen nachbaut.

Nr. 3 G-Dur. Gruppenkonzert für Streicher. Hier stehen sich drei Violinen, drei Bratschen und drei Celli gegenüber – dazu, wie immer im Barock, eine Basso Continuo-Gruppe. Eventuell ist die 9 zahlensymbolisch gemeint. Dieses Konzert ist sehr dicht komponiert, hier sind bereits alle Feinheiten eines Streichquartett-Satzes vorweggenommen. Das Konzert ist zweisätzig. Zwischen den beiden Sätzen gibt es eine Überleitung von zwei Akkorden, über die improvisiert werden soll – mal geschieht das auf dem Cembalo, mal auf der Solovioline.

Nr. 4 G-Dur. Hier stehen dem Streichorchester eine Solovioline und zwei Blockflöten gegenüber. Allerdings: Die Solovioline und die Blockflöten ergeben nicht eine Dreier-Gruppe. Eher wirkt es so, als hätten wir hier ein Violinkonzert und ein Konzert für zwei Blockflöten, die sich überblenden. Die Blockflöten und die Geige konzertieren miteinander nicht (im ersten Satz), fast scheint es als würden sie einander eher ignorieren. Typtisch für Barock ist die „unnatürliche“ Verselbständigung der Impulse (Überraschungseffekt). Ganz unangekündigt beginnt die Geige in einem irrwitzigen Tempo zu spielen. Solche Verselbständigungen stören das Gefühl der Ordnung und Logik, sie überfallen den Hörer – und das eben ist barock.

Im zweiten Satz haben wir ein Spiel mit Seufzern und Echos.

Nr. 5 D-Dur. Hier stehen eine Querflöte (keine Blockflöte – die Querflöte ist moderner, ein Rokoko-Instrument), eine Solovioline und ein Cembalo einem Streichorchester gegenüber. Wieder gilt, wie im vierten Konzert: Hier überblenden sich zwei Konzertformen: ein Konzert für Querflöte, Geige und Orchester und ein Konzert für Cembalo und Orchester. Letzteres ist das erste Cembalokonzert überhaupt. Querflöte und Geige spielen miteinander – aber (im ersten Satz) niemals mit dem Cembalo, sie ignorieren das Cembalo, spielen eher nebeneinander als miteinander (darum auch: Überblendung). Wie im vierten Konzert haben wir auch hier eine Verselbständigung: Das Cembalo wird immer schneller, irgendwann spielt es alleine und zwar viel zu lange – für das klassische Gefühl der Angemessenheit und Balance. Nicht für das barocke Gefühl, das solche Überraschungen und bizarre Störungen schätzt.

Nr. 6 B-Dur. Streichorchester. Gruppenkonzert wie Nr. 3, hier jedoch ohne Geigen, sondern: Bratschen, Gamben, Celli. Das ist sehr „alter Stil“, erinnert an die Gambenensembles der Renaissance. Alt ist auch der häufige Gebrauch der Kanontechnik (gleich zu Beginn). Allerdings sind wir hier dann doch wieder im Barock: Der Kanon ist ein sehr eng geführter Kanon – es klingt als würde die Melodie ständig einen Schatten nach sich ziehen: Melodie und Schatten vermischen sich und verwirren den Hörer angenehm – das ist barock.