6.10.2017: Dass das Eröffnungskonzert der Spielzeit 17/18 mit Bartòks „Konzert für Orchester“ beginnt ist kein Zufall: Das bedeutende Werk passt gut zu offiziellen Ereignissen.

Hier nun eine kleine Zusammenfassung der Konzerteinführung:


Dieses Konzert, Bartoks letztes vollendetes Werk, hat ein Doppelgesicht: Zum einen ist es das zugänglichste Werk dieses so bedeutenden aber auch schwierigen Komponisten. Er hat es für ein amerikanisches Orchester geschrieben – diese konnten damals viel virtuoser spielen als jedes europäische. Besonders für Blechbläser trifft das zu, deren Jazz-Erfahrungen den Musikern ganz neue spieltechnische Möglichkeiten eröffnet haben.

Gleichzeitig reflektiert die Musik Bartoks Sehnucht nach seiner verlorenen Heimat und die Erlebnisse des zweiten Weltkriegs. Das Konzert ist somit auch ein Denkmal für Soldaten, die gegen Hitler gefallen sind.


Die Musik hat fünf Sätze, die in einer für Bartok typischen symmetrischen „Bogenform“ stehen.

Die Bogenform, gebildet aus den Sätzen eins bis fünf. Sätze 1 u. 5, 2 u. 4 werden aufeinander bezogen:

3.

24

1.——5

Der erste und der fünfte Satz teilen sich den Volksfest-Charakter, der zweite und vierte zählen zu den Scherzi. Im Zentrum steht der langsame dritte Satz: die Elegie. Eine zusätzliche, kleinere Brücke besteht zwischen dem ersten und dem dritten Satz: Beide haben einen vergleichbaren Beginn. So verweist also der Beginn des Konzertes auf den zentralen Satz: die Elegie.


Um dieses Spätwerk zu verstehen, ist es gut an Bartoks Frühwerke zu erinnern: Der Komponist begann als musikalischer Expressionist. Für expressionistische Kunst sind magische Vorgehensweisen typisch, Rituale, die Dämonen wecken. Nicht umsonst stammen aus dieser Zeit, in der auch die Psychoanalyse entstand, gute Horrorfilme oder düstere Krimis.

Diesen magischen Zugang gibt es auch im Konzert für Orchester. Sämtliche fünf Sätze beginnen mit einer „magischen Anrufung“: einer einstimmigen „magischen“ Phrase (Sätze 1,3,4,5) , oder einem einzelnen „magischen“ Instrument (2 Satz, kleine Trommel).

Besonders in der langsamen Einleitung zum ersten Satz und im vergleichbaren dritten Satz hört man, wie „Dämonen“ beschworen werden: düstere Visionen, Erinnerungen an den Krieg.

Der zweite Satz heißt „Tanz der Paare“: Hier treten solistische Instrumente paarweise auf. Jedem Paar ist ein Intervall zugeordnet, in dem beide Partner zueinander stehen. In der Mitte erklingt ein Choral. In dem Satz sollte man sich auch auf die Streicher konzentrieren: Diese werden wie Schlagwerk behandelt.

Der vierte Satz (eine Art Scherzo, wie Satz 2) heißt „Unterbrochenes Zwischenspiel“. Er steht in der Tradition einer nächtlichen Serenade, bei der dem Sänger ein Blumentopf auf den Kopf abkriegt. Hier ist der Anlass ernsthafter: Die ungarische Idylle wird von einem Thema (Klarinette) unterbrochen, das an ein Thema aus Schostakowitschs „Leningrader Sinfonie“ angelehnt ist. Schostakowitschs Thema zitiert das Lied „Da geh ich zu Maxim“ und steht für die anrückenden deutschen Soldaten.

Übrigens schätzte Bartok Schostakowitschs Sinfonie nicht, ebenso wie die Musik Hindemiths, an dessen Stil sich Bartok dennoch hier und da anlehnt – um zu zeigen, dass er, Bartok, dann doch sehr viel besser komponiert…


Magisch und dämonisch ist auch der zentrale Satz: die Elegie.

Hier wage ich eine Hypothese: Der Satz ist nicht nur ein verspäteter Vertreter der vielen Elegien, die um die Wende zum 20. Jahrhundert in Mode waren. Bartok geht hier wohl auf die Antike zurück, besonders auf den berühmten Distichon (Versmaß, in dem Elegien geschrieben wurden) von Simonides von Keos:

„Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“ (Simonides von Keos, in der metrischen Übersetzung vom Friedrich Schiller)

Es sind stolze Soldaten, die für ihre Pflicht gefallen waren. Diesen also widmet auch Bartok seine Elegie, indem er den Sprachmodus des Distichons imitiert – in einem instrumentalen Sprechgesang in vier Zeilen:

Wanderer, kommst du nach Sparta, (bis 20;15)

verkündige dorten, du habest

uns hier liegen gesehn,

wie das Gesetz es befahl.