Es gibt einen Kanon von anerkannten Komponisten, den musikalischen Götterhimmel – und dieser wird dann nicht weiter hinterfragt.

Praktisch ist es jedoch so, dass man einige Komponisten liebt und mit anderen fremdelt. Manchmal passiert das nacheinander, manchmal sogar parallel – diese Sachen sind auch unabhängig von der Qualität der Werke. So war mir die überragende Bedeutung Beethovens immer klar – dennoch fremdelte ich als überzeugter Mozartianer lange Zeit mit diesem Komponisten. Und nahm dann dieses „Fremdeln“ ernst, um meinen eigenen Weg zu ihm zu finden:


Gegen Beethovens Musik spürte ich lange Zeit einen Widerstand. Dabei sah ich natürlich ihre herausragenden Qualitäten; bildete mir ein, dass mein Widerstand auf einen Widerstand in Beethovens Musik selbst reagiert. Mir fehlte das erotisch Verspielte. Diese Musik setzt auf Kontrolle; auf Qualitäten, die analytisch nachgewiesen werden können. Sie scheint ihre Analyseinhalte schon vorzugeben: Motivarbeit, Erweiterung der Formen Haydns und Mozarts, die kontrollierten Sprengungen im Spätwerk. Sie ist Konzeptkunst und will als solche gewürdigt werden. Musik als Text, als Beweis, als juristische Begründung, als Gotteswort, als Architektur, weniger als Gewachsenes, als Klangereignis, als Entertainment. Zu wenig „was ist schön“, zu viel „was ist wahr“ für meinen Geschmack. Beethovens „was kümmert die elende Geige mich“ oder seine Gleichgültigkeit gegenüber den Eigengesetzmäßigkeiten der menschlichen Stimme (um mal zwei Beispiele zu benennen, die nach den Maßstäben Mozarts oder Haydns – aber nicht nur dieser – nicht als „schön“ durchgingen) sind nicht allein in seiner Taubheit begründet. Sie sind auch ästhetisches Programm. Dabei gibt es Musik in der Welt, die banal ist, dann aber acht wunderschöne Takte enthält, die einen nicht loslassen. Es gibt Musik, die sich selbst verschenkt – eine schöne Flötenmelodie von Prokofiev etwa erklingt nur für sich, ohne weiterer Durchführung, ohne Konsequenzen.  Bei Beethoven hingegen gibt es Werke, die von vorne bis hinten genial sind, gegen die man überhaupt nichts sagen kann, außer, dass sie wenig Schönes, wenig Hübsches erhalten. Wenig melodische Phrasen, harmonische Wendung, die für sich selbst einnehmen, unabhängig von ihrer Funktion im Ganzen. Form, nicht Detail.

Das Fehlen der Hübschheit. Was ist, wenn das das heimliche Programm ist? Wenn sich Beethoven vom Schönheitsbegriff Mozarts emanzipieren muss? Schönheit ist unverdientes Geschenk. Was ist, wenn einer nicht beschenkt wurde? Dafür aber mit einem gewaltigen Ausdrucksvermögen? Was ist, wenn der Hörer die Motivarbeit etc. etwas beiseite drängt und sich auf etwas anderes konzentriert: auf die Kraft, die mitreißen, überwältigen will? Ein leicht zu erkennender Unterschied zwischen der Musik Beethovens und der Haydns und Mozarts ist diese unglaubliche Energie, die Beethovens Musik auszeichnet. Natürlich lässt sich „Energie“ nicht so leicht analytisch fassen wie Motivarbeit. Interessant scheinen mir hier die Bagatellen für Klavier Op. 33 zu sein. Da fehlt Motivarbeit und kann somit nichts verdecken. Da sieht man im Kleinen, wie Beethoven mit Bewegung experimentiert: Musik ins Leere laufen, oder sich in sich selbst verfangen lässt. Das gibt es natürlich auch in Hauptwerken.

Kraft, Energie, Bewegung sind deshalb interessant, weil Kraft und Kontrolle sich beißen. Kraft will sich verselbständigen. Da setzt Beethoven an, das interessiert ihn. Es ist faszinierend zu hören, wie Beethoven etwa in der siebten Sinfonie die Energie immer weiter entfesselt, Motive und Rhythmen sich verselbständigen lässt, dabei aber stets die Zügel der Musik in der Hand behält – anders als etwa Schumann an vergleichbaren Stellen, bei dem Bewegung manchmal zu entgleiten droht.

Hypothese: Der Energie, die ins Große drängt und die Dimensionen der Beethovenschen Musik ins bis dahin Ungeheure wachsen lässt, steht strenge Motivarbeit gegenüber, die diese Energie kanalisieren will, indem sie logische Entwicklungen simuliert.

Natürlich ist Beethoven ein Gigant auch des Schönen. Der langsame Satz im ersten Streichquartett. Es gibt wenig Schöneres.

Bei Beethovens Musik muss ich oft an amerikanische Kultur denken. Dieses Puritanische, der titanische Begriff von Freiheit, das Abweisen des Rokoko, die Faszination der Gewalt, das demokratische Element, der rücksichtslose Individualismus, der Gigantomanismus, dessen Kehrseite die Vereinzelung ist (lonely Cowboy). Dieser „Kuss der ganzen Welt“  -aber nicht der/dem – weil fernen – Geliebten. Man darf im Film nicht die nackte Bust zeigen, die liebkost wird; man zeigt den geschundenen Körper, dem der wahnsinnige Massenmörder die nackte Brust abhackt. Das Primat der „Action“. Heldentum. „Fidelio oder die eheliche Liebe“. Der Sieg der ehelichen Liebe. Sieg, Sieg, Sieg. Als gäbe es eine Stimme im Kopf, die bedrängt: Kämpfe. Hol es dir.

Beethovens Musik: Anwesenheit von Gewalt bei Abwesenheit von Erotik.

Natürlich kann das Erotische nicht ausgesperrt werden. Man wird es finden müssen – im Gewalttätigen? Ebenso wie man auch Gewalt im Rokoko finden wird.

Mozart hingegen tröstet. Es gibt Hörer, die genau das aggressiv macht, die finden sich dann oft bei Beethoven wieder.