Ist das noch Kunst oder bereits Pornographie? Solche Fragen treiben Jugendschützer um, was nicht verwundert: Kunst und Literatur zogen schon immer auch die Schmutzfinken an. Nur die klassische Musik blieb sauber. Hier rückt man sich die Krawatte zurecht, übt täglich seine acht Stunden Mozart, und beneidet heimlich Prolls um Groupies und Gitarren. Dass Mozart selbst die Finger von keinem Rock lassen konnte, liest man zwar, hört es aber nicht – und genau das möchten wir nun ändern. Unsere heutige Collection präsentiert eine kleine Auswahl an musikalischen Erotika.

(Ein Beitrag für Grammofy)


Wir beginnen im Rokoko. In Mozarts Konzert für Flöte, Harfe und Orchester vom 1778 feiern die Eröffnungsfanfaren die Erotik der Uniform:

Musikbeispiel 1 Mozart Konzert für Flöte Harfe und Orchester. Erster Satz

Die Musik dieser Zeit ahmt die Sprache am Hofe nach, genauer gesagt: das Flirten. Ein Reden übers Wetter, in dem die kurzen Pausen ebenso wichtig wie die angespitzten Töne sind: Töne, Seufzer, Figuren, all die melodischen Schleifchen, die gebunden und gelöst werden. Ihr hört sie gut zu Beginn des zweiten Satzes: eine leise, mit winzigen Atempausen versetzte Tonwiederholung in den Geigen, gefolgt von etwas lauterem Aufseufzen:

 

Musikbeispiel 2 Mozart Konzert für Flöte Harfe und Orchester. Sätze 2-3

Redete man am Hofe noch vom Wetter, so muss Faust im neunzehnten Jahrhundert Fragen zu Religion beantworten, um das Gretchen in sein Bett zu kriegen. Ohne Pathos und große Geste lief da nämlich gar nichts! Es war Franz Liszt, dem wir unseren ersten Geschlechtsakt heute verdanken – in seinem Mephisto-Walzer von 1861, wenn auch nach einem Gedicht von Nikolaus Lenau und nicht nach Goethe. Wir hören den Teufel selbst die Geige anstimmen und zum Tanz aufspielen in der Schenke, währenddessen Faust seine Dorfschönheit verführt – so ungefähr ab der Minute Drei. Zwischendurch zwitschert die Nachtigall…

Musikbeispiel 3 Liszt Mephisto-Walzer

Liszt war der Schwiegervater Richard Wagners, eines der eindrucksvollsten musikalischen Erotomanen überhaupt. In Wagners Tannhäuser-Ouvertüre um 1842 zieht ein Pilgerchor am Hörer vorbei, erst weit weg, dann immer näher kommend und sich schließlich wieder entfernend. Nun lockt im schnellen Tempo die Venus mit Geigen, Rasseln, Flöten. So richtig zur Sache geht es im nachkomponierten Bacchanal, ab der zehnten Minute. Eine Orgie in der Venusgrotte: In stürmischen Wellen überschlägt sich die Musik, um dann ganz allmählich zu ermatten:

Musikbeispiel 4 Tannhäuser-Ouvertüre und Bacchanal

Wir lernen: Während man im Rokoko plapperte, um fremdes Interesse zu wecken und eigenes zu verbergen, kocht im Deutschland des neunzehnten Jahrhunderts der Eros hoch, wie auf dem Herd die Suppe. Also viel zu deftig für den französischen Geschmack. Im Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune vom 1894 döst der Faun, Flöte spielend, in der Mittagshitze. Flöte, das hatten wir doch schon? In der Tat ist diese Kunst so etwas wie eine Wiederkehr des Rokoko, was ihr auch an dem charakteristischen Einsatz der Harfe erkennt. Selbst das Wetter spielt wieder eine Rolle: Der Faun wird nämlich von Nymphen aufgestachelt, die er jedoch, es ist aber auch wirklich viel zu heiß gerade, jagend verfehlt. Faun bleibt bei Flöte – in einer berühmten Choreographie des Werks von 1912 befriedigt er sich an einem Schleier, den er von den Nymphen erbeutete.

Musikbeispiel 5 Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune

Der Faun ist so etwas wie der Vorgänger des Teufels, dem wir ja schon beim Liszt begegneten. Ähnlicher Geselle spielt nun auch im Prokofievs erstem Violinkonzert vom 1917 eine Hauptrolle: ein Teufelsgeiger, der eine hübsche Seele verführt. Mit dem Gesang dieser Seele beginnt das Werk – der Teufelsgeiger tritt auf nach einem Orchesterzwischenspiel. In der Mitte Prokofjew-Beat: Die Geige verwandelt sich schließlich in eine Proll-Gitarre. Es geht heftig zur Sache, bevor gegen Schluss die hübsche, nun wohl auch verlorene Seele im siebten Himmel jauchzt. Ihren Gesang übernimmt diesmal, na wer wohl? Die Flöte. Von Harfe begleitet.

Musikbeispiel 6 Prokofiev Violinkonzert Nr. 1 erster Satz

Kurz und deftig, der zweite Satz: Eine Orgie bei den Teufels. Die Tuba stellt den Hausherrn da, Ketten rasseln, statt eines Wagner-Pilgerchors zieht eine Monsterparade vorbei. Die Sologeige spielt sich um den Verstand und schleift Messer. Bitte schön:

Musikbeispiel 7 Prokofiev Violinkonzert Nr. 1 zweiter Satz

Auch im letzten Satz kratzt es teuflisch. Er ist als gewaltige Steigerung angelegt: zieht an Vulkanausbrüchen vorbei und an brennenden Melodien und mündet schließlich in einer Opiumhölle: Die Geige gerät in Trance. Das Ende des Konzertes ist beinahe identisch mit dem Schluss des ersten Satzes, was ein Zauberbild ergibt: Eine Schlange beißt sich in den Schwanz. Das ist musikalischer Symbolismus vom Feinsten: eine Musik, die Märchenhaftes mit Erotischem verbindet und von einem Ur-Intervall zusammengehalten wird: der Quarte, die auch der musikalische Laie vom Tatü-Tata der Feuerwehr her kennt – nun, in dem Konzert brannte es ja auch ordentlich.

Musikbeispiel 8 Prokofiev Violinkonzert Nr. 1 dritter Satz

Die Schlange beißt sich in den Schwanz? Darum zum Schluss, Ravels Bolero von 1928, passenderweise in seiner kastrierten Form: also statt für großes Orchester für zwei Klaviere. Das nun ist einerseits fragwürdig, andererseits typisch: fragwürdig, weil dieses Stück ja auch für seine raffinierte Instrumentation berühmt wurde; – typisch, jedenfalls für Ravel, weil der Komponist selbst die kastrierte Fassung erstellte und somit sein Konzept – eine Musik ohne Musik, nannte er das Werk – noch weiter radikalisierte. Der Bolero, in Schwarz-Weiß statt in Farbe: Die Orgasmuskurve verläuft noch immer im Schneckentempo, die mechanischen Wiederholungen entfalten auch jetzt ihre Wirkung – zum Wahnsinnig-werden penetrant ist jedoch nun das charakteristische Rhythmusmotiv. Statt diskret von der kleinen Trommel wird es jetzt auf ein-und-demselben Klavierton ausgeführt –wie eine Art rhythmisierter Tinnitus fast. Das nun schärft noch Ravels geniale Dramaturgie, die in etwa lautet: Bevor der Zuhörer explodiert, explodiert das Stück. Hört selber hin und lasst euch mitreißen!

Musikbeispiel 8 Ravel Bolero für zwei Klaviere