In Puccinis Oper „La Bohéme“ klingt die Musik auf einmal chinesisch, obwohl der Inhalt nichts mit China zu tun hat. Darüber lohnt es sich nachzudenken.


Wenn in der „Ofenszene“ die Freunde ihre Bilder und Dramen verbrennen, klingt die Musik auf einmal chinesisch.

Warum eigentlich?

Exotische Sujets waren Ende des 19. Jahrhunderts beliebt, man denke etwa an Saint-Saëns‘ „ägyptisches“ Klavierkonzert, Puccinis „Turandot“, „Madama Butterfly“, Operetten wie „Das Land des Lächelns“, Werke Ravels und Debussys und und und…

Diese China-Mode nahm ihren Ausgang mit den Pariser Weltausstellungen, gleichzeitig greift sie die Tradition der Rokoko-Chinoiserien auf.

Das erklärt immer noch nicht, was Chinesisches in einer Pariser Ofenszene zu suchen hat.

Die Ofenszene ist ein Teil des „Feuerscherzos“. Puccini stellt die Assoziation „Feuer“ vor allem durch Klangfarben her: Flöten, Triangel, Glockenspiel, Streicher-Pizzicati.

Das sind allerdings die Instrumente, die man auch für fernöstliche Effekte verwendete. So lag bei diesem „Feuer-Instrumentarium“ die Assoziation „China“ in der Luft, und Puccini, stets offen für überraschende Effekte, griff sie auf.

Dieses Phänomen ist ästhetisch interessant. Wir finden ihn öfter bei französischen Komponisten, aber selten bei deutsch-österreichischen (Mahler wäre da vielleicht eine Ausnahme).

Zugrunde liegen dem Phänomen zwei ästhetische Zugänge: a) Kunst ist ein Schwamm, der alle Eindrücke aufnimmt und integriert bzw. arrangiert; b) Kunst ist Keim und Pflanze. Bei b) wird streng zwischen Pflanze-Eigenem und Pflanze-Fremden unterschieden. Letzteres wird draußen gehalten oder ausgeschieden.

Den ersten Zugang finden wir in der Mode, in französischer Ästhetik, im Rokoko (wenn Mozart im ersten Satz der Jupiter-Sinfonie plötzlich und ohne Vorwarnung „türkische Musik“ verwendet) – und eben auch in der Ofenszene Puccinis, wo der Komponist seinen spontanen Impulsen nachgeht, ohne sich um Logik und Kohärenz (China im Ofen?) zu kümmern.

Den zweiten Zugang finden wir in der deutsch-österreichischen Kunst so ab 1800, die auf Logik und Kohärenz großen Wert legt, sich jedoch um Fragen des „Geschmacks“ weniger kümmert, ja Phänomenen wie „Mode“, „Schmuck“ und „Effekte“ misstrauisch begegnet, diese als „pflanzenfremd“ wahrnimmt und von vornherein auf Überzeitliches, Ewiges aus ist. Ich muss in diesem Zusammenhang immer an eine Kritik Hanslicks denken, der bei Brahms‘ Händelvariationen den Gebrauch der Triangel lobt: Der Komponist verwende dieses gefährlich effekthascherische (hier müsste man hinzufügen: chinesische) Instrument so, dass man es gar nicht wahrnimmt.

Zweifellos schmückt die „chinesische Musik“ die Ofenszene ungemein.

Ebenso unbestreitbar ist das leichte Naserümpfen, das sich bei vielen Freunden deutscher Kunst einstellt, wenn sie den Namen „Puccini“ hören.