Das Einfache gegen das Verfeinerte – das ist in der Musik ein ewig aktuelles Thema.


Die russische Komponisten-Gruppe „Das mächtige Häuflein“ um Modest Mussorgski, Alexander Borodin und Nicolai Rimski-Korsakow herum bestand aus komponierenden Laien – und auf ihr Laientum bildeten sich diese Laien einiges ein. Der Musikprofessor Tschaikowski galt ihnen als „Westler“, dessen aus Mitteleuropa importierten Techniken ihn von der echten russischen Kunst entfremdeten.

So die Ausgangslage – die Wirklichkeit gestaltete sich natürlich komplizierter, denn auch das „Häuflein“ hat etwa Wagner oder Beethoven gründlich studiert und Tschaikowski war niemals so akademisch, wie Rimski-Korsakow es später werden sollte.

Aber die Grundfrage bleibt: Können zu viel Kunst und Können schaden? Kunstfeindlichkeit war in Russland unter Künstlern nicht fremd – man denke nur an den Schriftsteller Leo Tolstoi, der mit seinem Talent haderte. Tolstoi schrieb in einem bewusst nachlässigem Stil, den er eben deshalb als „echt“ empfand. In Deutschland kann man diesen Stil erst jetzt würdigen, denn zuvor wurde er von seinen Übersetzern gewissentlich nachlektoriert – indem man in der deutschen Fassung etwa die „uneleganten“ Wortwiederholungen durch Synonyme ersetzte.

So sind es also die Künstler selbst, die das Kunstlose suchen. Im Russland des 19. Jahrhunderts wurde dieses „Kunstlose“ nationalistisch unterfüttert, indem das Verfeinerte als Ausländisches und somit als artfremd angesehen wurde. Etwas, das einen zwar zivilisiert, aber damit auch von seinen Wurzeln abschneidet. Kunst, Technik, Fortschritt galten und gelten heute noch in manchen Kreisen als dekadent. Selbst Tschaikowski, der Mozart und die französiche Komponisten liebte und als Homosexueller sowieso zu der Internationale der Verbannten zählte, schwankte: In seiner zweiten Sinfonie nähert er sich dem „russischen“, bewusst kunstlosen Stil, während die dritte dann auf übetriebene Weise einem europäischen Akademismus huldigt – etwa mit einem Walzer „im deutschen Stil“ („alla Tedesca“) oder mit ihren komplizierten Durchführungstechniken im ersten Satz.

Das „Echte“ und das „Dekadente“: Es ist ein großes Thema, das immer wieder hochkocht – und politisch missbraucht werden kann. Künstlerisch gesehen setzt der Rückweg in die Kunstlosigkeit jedoch neue Energien frei: Ich denke da an den Barock um 1600, der die komplexe Vielstimmigkeit der Renaissance auf eine Stimme (Monodie) beschnitt und die bizarrsten, gänzlich unakademischen Akkorde suchte; an die frühe Klassik der Bach-Söhne mit ihrem schlichten Natürlichkeitsideal; an die Romantik mit ihrer Feier der Skizze; an die Kinderzeichnungen-Ästhetik der Moderne, oder an den Punk (dessen berühmte „drei Akkorde“ wiederum an die Frühklassik erinnern). Dazu Volkskunst, Bilder von psychisch Kranken, Comics, Pornographie – das vermeintlich Triviale, das oft auch das Brutale ist und die Axt an die Schale der Zivilisation ansetzt, um die Dämonen aus dem Schlamm zu wecken – und damit über die Kunstlosigkeit zurück zur Kunst zu finden. Denn hier schließt sich der Kreis: Diese „Dämonen“ sind ja auch die Kräfte, die jede gute Sinfonie beschwört (siehe auch: „Das Heer und die Sinfonie“).