Debussys Musik geht gern auf Reisen. Stets ist bei ihm eine Sehnsucht da nach China, Spanien oder dieser Insel der Glücklichen im Mittelmeer, vor der sich der Meeresschaum in Menschen verwandelt, die aufs Land gehen, singen, trinken, Liebe machen und dann wieder zu Schaum werden im Wasser. Wobei, das ist schon zuviel gesagt. Denken Sie an den Augenblick kurz vorm Aufstehen, wenn ihr Kopf von Bildern bedrängt wird. Fragt man Sie, was Sie träumten, werden Sie diese Bilder in eine Reihenfolge bringen, die sie dem Fragenden verständlich macht. In diesem Augenblick haben Sie Ihren Traum geordnet und verraten. Die nackte Wahrnehmung hat sich beim Erzählen zivilisiert. Debussy geht es um den Augenblick vor solcher Anordnung. Die Grammatik seiner Musik versucht sich solchen nachgelieferten Erzählungen zu verweigern und stattdessen den Reichtum des „Jetzt“ auf die Spur zu kommen. Lassen Sie sich ruhig bedrängen von seinen Bildern. Hören Sie das Werk fast im Schlaf noch, morgens ganz früh.

Sehnsucht Posaunen erschallen

Claude Debussy, L’Isle Joyeuse für Klavier, erschienen 1904

Charakterstück. Freie Form. Schaum. Zwei Hauptthemen sind erkennbar, ebenso eine Dreiteilung, die an die Sonatenhauptsatzform erinnert. Begriffe wie „Exposition“,  „Thema“, „Durchführung“ sind natürlich nur Annäherungen. Debussy hätte sie sich verbeten.

Erstes Thema Habanera-Rhythmus

Erstes Thema: In der Oberstimme eine nervöse Arabeske; eine ornamentale Melodie in lydischer Tonart: Man muss sich dazu Flöten, Glöckchen und Tamburin vorstellen. Im Klavierbass hören wir einen stolzen Habanera-Rhythmus.

Zweites Thema Glöckchen

Zweites Thema: Eine dieser typischen Sehnsuchtsmelodien von Debussy, die das Glück beschwören. Auch hier: Glöckchen, aber eigentlich transzendiert der Klang: Das ewige All.  Ebenfalls in lydischer, also sinnlicher Tonart – so jedenfalls deuteten sie die alten Griechen.

Exposition (bis 3:14) Einleitung (bis 0;29) Durchführung (bis 4:10) Reprise = Coda

Anmerkungen I

Debussy verwendet eine moderne, fantastische Erzählweise, in die man sich erst eingewöhnen muss. Es gibt da allerdings einige konventionell erzählende Reste, die es dem Hörer einfacher machen.

Erstes Thema Zweites Thema Apotheose

Altmodisch sind natürlich die dreiteilige Form, die Entwicklung auf den Schluss zu, sowie das zweite Thema, eine schöne, regelmäßig gebaute, romantische Melodie. Dennoch ist so viel neu an dieser Musik, dass man sich über solche „Inseln der Vertrautheit“ freut. Trauen Sie sich also in den Satz hinein, versuchen Sie das „erste Thema“ zu hören, dann das „zweite“ und wie dieses am Schluss zur Apotheose wird: eine Variante des „zweiten Themas“ als aufgeheizter Walzer von schmetternden Trompeten bejubelt.

Anmerkungen II

Bei diesem kurzen, dichten Werk lohnt es sich tatsächlich einmal, jeden Teil einzeln zu hören:

Einleitung (bis 0:29) Klaviermusik rituellen Schlägen wiederkehren explodiert Schläge verselbständigt

Einleitung (bis 0;29): Rokoko-Schaum. Aus der Verzierung geboren. Im Kern haben wir das schon in Mozarts Klaviermusik. Der informative Wikipedia-Artikel spricht von dionysischem Taumel, grellem Tag und gleißender Sonnenglut. Die Einleitung endet mit zwei spitzen rituellen Schlägen, vielleicht von einem Zeremonienmeister, der zur Habanera bittet. Viele Pianisten überspielen diese „Schläge“, meine Aufnahme mit dem großartigen ungarischen Künstler Zoltán Kocsis ist hingegen sehr deutlich. Die Erregtheit der Einleitung wird gesteigert wiederkehren, bis sie am Schluss explodiert. Auch die rituellen Schläge haben sich am Schluss (eine Oktave höher) verselbständigt.

Exposition (bis 3:14)

Exposition (bis 3:14): Am Beginn ein „erstes Thema“ und ein „zweites“ am Schluss – das macht diesen Teil zu einer Exposition. Das „Dazwischen“ ist allerdings keine „Überleitung“, sondern eine ganze Welt aus Locken und Rufen.

Durchführung Schlange zweite Thema Schlägen zu Beginn

Durchführung (bis 4:10): Dieser Teil ist tatsächlich eine kleine Durchführung. Das Klavier steht in Flammen  – Flamme, Welle, Schaum, Extase: alles sprachlich unzulängliche Annäherungen. Die Sekunde, in der sich etwas auflöst und vollendet. Der Liebesbiss. Das kurze Glück des Ausbrennens. Zwischendurch kriecht das „zweite Thema“ wie eine interessante Schlange hoch (Ganztonleiter).  Das ganze endet mit den beiden rituellen Schlägen – wie wir sie schon zu Beginn gehört haben.

Reprise Apotheose

Die freie Reprise ist sehr erregt, ungeduldig, stellenweise kurzatmig, die Gedanken werden nur noch angerissen, sie überschlagen sich. Große (Tempo-) Steigerung zur Apotheose (zweites Thema).

Anmerkungen III

Debussy verstand Kunst als einen objektiven Teil der Natur. Wobei „Natur“ auch eine Großstadt sein konnte, generell alle sinnlich wahrnehmbaren Phänomene des Daseins. Dieses „sinnlich Wahrnehmbare“ brannte ihm auf den Fingern. Was ihn weniger interessierte, waren so Dinge wie „Schicksal“, „Idee“, „Seele“, „Gott“. Dafür Wind, Schaum, Welle. Keine Religion – aber religiöser Ritual oder Tanz, denn das reizt die Sinne. Der Künstler schaut auf Welt und Menschen wie der Insektenkundler auf ein Insekt, oder noch besser: auf einen Insektenhaufen. Deshalb kommen in Debussys Musik oft Paraden oder Massenversammlungen vor – wie im übrigen auch in der französischen Malerei der Zeit.

Die „freudige Insel“ wird von Horden von Ausreißern überrannt wie von Ameisen. Das Ursprungsbild, auf das Debussy sich bezieht stammt aus dem Rokoko. Aber auch diese Szene ist ein Zitat: Hier geht es um den Beginn einer antiken Orgie.

Wir haben also drei Eben vor uns: Das beginnende 20. Jahrhundert in Frankreich. Das Rokoko. Die Antike. Jedoch nicht etwa „edle Einfalt, stille Größe“, sondern eine dionisysche Antike, helenistische Vereinigung aller Stände und Rassen in Kunst, Eros, Rausch.

Hey, kommt her! still Winken (bis 02:02) Schaumausbruch Parade Posaunen und Hörner erschallen!

Deshalb hört man in der Musik neben dem allgegenwärtigen „Menschenschaum“ geheimnisvolle Rufe: „Hey, kommt her!„; eine kleine, lockende Stimme still  aus der Ferne. Ein freudiges Anlaufen und Winken (bis 02:02).

Nach einem besonders starken Schaumausbruch formiert sich die wilde Truppe zu einer marschartigen Parade.

Posaunen und Hörner erschallen!

Apotheose

Höhepunkt. Apotheose. Glück.