Freitag, 27. Oktober. Einführung um 18.40/19.10. Herbert Blomstedt dirigiert das Gewandhausorchester Leipzig.

Themenspiegelungen: Darum geht es uns in der Einführung zu Bruckners siebter Sinfonie. Aber nicht nur….


Diese Sinfonie sollte für Anton Bruckner den Durchbruch bedeuten. Das ahnte der Komponist: Das erste Thema wurde ihm im Traum diktiert zu den Worten „Damit wirst du dein Glück machen „.

In der Tat es ist das längste und schönste Thema  (bis 01:07) der Sinfonie-Geschichte. Alles an ihm ist riesig: auch der Ambitus (der Abstand zwischen dem tiefsten und dem höchsten Ton).

Dieser Ambitus wird bereits im Kopfmotiv abgeschritten.

Wie beinahe alle Themen in Bruckners Sinfonien wird auch dieses im Verlauf des Satzes auf den Kopf gestellt.

Dieses Auf-den-Kopf-Stellen (Spiegelung) hat zwei Gründe:

  1. Bruckner geht hier auf Bach-Fugen zurück, wo Themen ebenfalls gespiegelt werden
  2. Diese Spiegelung versucht einen mystischen Raum zu erfassen. In diesem ist das Oben und Unten aufgelöst, also gleichberechtigt.

Ähnliches finden wir beim zweiten Thema vor. Auch dieses expandiert: Es will immer nach vorne…

Und hier das Thema auf dem Kopf.

Schließlich noch das dritte Thema. Anders als die beiden ersten ist es rhythmisch gestaltet. Drei Themen aus religiösen Gründen – um auf die Dreifaltigkeit zu verweisen.


Im zweiten Satz trauert Bruckner in der Coda um den eben verstorbenen Richard Wagner.


Das Scherzo greift auf das gespiegelte Kopfmotiv aus dem ersten Satz zurück in einer stark verkürzten Form.

Auch dieses wird gespiegelt.

In dieser Form spukt es auch im Trio herum (Trompete).


Wir begegnem dem Hauptthema in einer fast schon lustigen Form im Finale (der wunderbare Dirigent Otto Klemperer gibt sich in der Aufnahme alle Mühe, es nicht zu lustig klingen zu lassen).

Willkommen in Bruckners Spiegelkabinett.

Zum Schluss noch etwas Spannendes.

Anton Bruckner war der einzige Komponist seiner Zeit, dessen Werk die Industriealisierung im 19. Jh. widerspiegelt. Es geht mir um die teilweise fast brutalen Kraft- und Maschinenstellen, zu den sich seine Musik aufschwingen kann. Es begann das Jahrhundert der Ingenieure. Zum ersten Mal empfand man sich nicht nur als Opfer von Naturgewalten (wie in früheren Gewittermusiken), sondern konnte diese mithilfe von Maschinen und Fabriken bändigen: Feuer, Wasser, Dampf… Der Mensch war es nun, der Naturkräfte entfesselte, nutzte und im Zaun hielt (nun ja: Damals dachte man sich das so). Das also feiert Bruckner. Uns kommt die Mischung Maschinenkraft und Religiosität befremdlich vor. Aber denken Sie nur an Fabrikengebäude des neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts, die mittelalterliche Kirchenarchitektur zitieren: