Sonntag, 22. Oktober 2017. Einführung 10 Uhr Festspielhaus Baden-Baden

Das Motto „,Frei, aber einsam“ in zwei Quartetten der beiden Freunde Schumann und Brahms. Dazu Brahms´ Antwort im „Deutschen Requiem“


Ein Freundschaftsmotto

„Romantik“ meint „Kunst für Freunde“. Und sie waren Freunde, Robert Schumann, Johannes Brahms und noch ein paar andere: Komponisten, die ähnlich tickten, musikalisch wie menschlich.

Ihr Motto „Frei, aber einsam“ hat der Geiger Joseph Joachim formuliert – musikalisch ausgedrückt wurde es durch die Töne f-a-e. Es ist ein höchst persönlicher Gedanke, der das große Publikum nichts anging – diese Abwendung ist typisch für die Ästhetik der Romantik. Das Motto f-a-e prägt zwei Streichquartette, die im Festspielhaus zu hören sein werden:

Schumanns Quartett Nr. 1 und Brahms´Quartett Nr. 2 – beide Quartette stehen in a-Moll.

Die gleiche Tonart ist kein Zufall: Brahms´Quartett ist eine Hommage auf das Werk des Älteren, in dessen Ehefrau Clara der Jüngere ebenfalls einst verliebt war. In Schumanns Quartett wird das Motto f-a-e raffiniert eingearbeitet – Brahms übernimmt es als Zitat im erstem Thema.


Schumanns Romantik contra Brahms´ Klassizismus

Zwischen Schumanns Quartett von 1842 und dem von Brahms von 1872 liegt eine Generation. Schumanns Quartett ist noch ganz von den Prinzipien der Romantik geprägt, das von Brahms steht hingegen für einen romantischen Klassizismus.

Hier nun eine sicherlich zu simple Unterscheidung zwischen beiden Herangehensweisen, die dennoch weiterhilft: Die Generation Schumanns und Mendelssohns (auf dessen Quartette sich Schumann übrigens bezieht) hat eine Vorliebe für eher frühlingshafte Themen – die Melodien von Brahms klingen herbstlicher.

Dieser frühlingshaft optimistische Zug der Romantiker steht ebenfalls für Freude an musikalischen Innovationen – während Brahms geradezu als Prototyp für die konservative „Keine Experimente“-Haltung gelten darf.


Schumanns kniffliges Spiel mit dem Motto

Ein Quartett, dessen erster Satz in einer Tonart beginnt und in einer ganz anderen endet, wäre bei Brahms undenkbar gewesen. Ebendas ist bei Schumann aber der Fall. Sein Quartett beginnt mit einer langsamen Einleitung in a-Moll. Der eigentliche monothematische Sonatenhauptsatz steht dann in F-Dur.

Das war zu Schumanns Zeiten eine Revolution. Ausgelöst wurde sie durch das schon beschriebene Motto f-a-e, das Schumann nun auch auf die Tonartendisposition überträgt.

Er beginnt das Quartett in a (moll) geht über zu f (Dur). Der zweite Satz steht dann in a-Moll, beginnt jedoch auf einem wiederholten Ton e.

Also a-f-e. Denn die drei Töne wurden schon immer in ihrer Reihenfolge frei kombiniert (permutiert): So können statt f-a-e, auch e-f-a, oder a-f-e etc. vorkommen.

Wichtig: Das müssen Sie nicht hören! Es ist ein höchst privates Spiel Schumanns mit sich selbst – und mit seinen kundigen Freunden.

Die langsame Einleitung beginnt übrigens mit den Tönen e-f. Wird diese Phrase wiederholt, dann ergänzt sie sich zu e-a-f-e…

Motive, welche die Permutation f-a-e weiterführen, finden sich immer wieder im Werk: Etwa zu Beginn des Scherzos, wo ein e-a-gis erklingt, das die Umkehrung von a-e-f (Permutiation von frei-aber-einsam) darstellt.

So richtig prominent begegnet einem das Motto (in seiner Permutation a-e-f) erst im Adagio. Mit dem Motto beginnt ein Choral.

Das ist gleich ein doppelter Verweis: Schumann zitiert hier nicht nur das Motto, sondern noch viel hörbarer Beethovens Choralthema aus dem langsamen Satz der neunten Sinfonie. Das Choralthema beginnt dort mit d-a-b. Indem es Schumann ins F-Dur transponiert, erhält er die Töne a-e-f.

Im letzten Satz begegnet uns die Tonfolge f-a-e als a-f-e. Genauer gesagt, als a-a-f-e: Mit diesem Kopfmotiv beginnt nämlich das zweite Thema.


Romantische Verweise bei Schumann

Solches mehrbödiges Spiel mit Verweisen und Zitaten ist typisch für Schumann. Man denke nur an das Hauptthema des Klavierkonzertes, das gleichzeitig für Clara steht (italienisierend als Chiara – also: c-h-a-a), wie für die Florestan-Arie (ebenfalls c-h-a-a) aus Beethovens „Fidelio“. Schumann selbst nannte sich Florestan und die Oper Fidelio erinnerte Clara und Robert an ihre Kämpfe gegen Claras Vater.


Brahms´ Motto-Umkehr im „Deutschen Requiem“.

Brahms´ zweitem Quartett sind Schumanns poetische Verwinkelungen eher fremd – es begnügt sich mit einem Wink im Hauptthema (siehe erstes Notenbeispiel). Ansonsten ist Brahms´ Quartett klassizistisch: Anders als in dem Werk von Schumann gibt es hier nun auch ein klassisches zweites Thema und überhaupt ist die Form nicht experimentell, sondern regelmäßig – vollendet gelungen, aber eben auch schulmäßig.

Ein viel romantischeres Spiel mit einem Motto finden wir in Brahms´ „Deutschem Requiem“. Zu den ersten Worten „Selig sind“ erklingt die Tonfolge f-a-b (Notenbeispiel I) , die dann als Motto des Werkes vielfach wieder auftaucht.

Etwa als Krebs (von hinten nach vorne) in der Orchestermelodie zu Beginn von „Denn alles Fleisch, es ist wie Grass“ (Notenbeispiel II – transponiert)

Ebenfalls als Krebs im Kontrabass zu Beginn von“Herr, lehre doch mich“. (Notenbeispiel III – transponiert)

Diese Tonfolge ist nun selber eine Umkehrung (Spiegelung) der Tonfolge frei-aber-einsam in der Permutation afe um den Scheitel-Intervall a-f (Brahms wählt dieses gemeinsame Scheitel-Intervall, um auf die Verwandschaft zwischen beiden Mottos zu verweisen a-f-e und f-a-b. Zwischen a-b und e-f ist jeweils ein Halbtonschritt – mit < markiert)

Was sollen diese romantisch-scholastischen Spielereien? Sie beziehen sich auf einen konkreten Inhalt. In Brahms´ Deutschem Requiem geht es um Trost: „Selig sind, die da weinen, denn sie sollen getröstet werden“. Dieser Trost bildet die hoffnungsvolle Antwort (Umkehrung) auf das resignative „Frei-aber-einsam“-Motto.