Händels „Messiah“ mit den Chor of The King´s Consort. Am 17 Dezember um 15:40/16.10


Händels „Messiah“ ist ein Werk der Aufklärung. Das zeigt sich deutlich an der Musik.

„Aufklärung“ bedeutet zweierlei: 1) Die Geschichte Jesu wird als eine der Vernunft zugängliche Geschichte erzählt, genauer gesagt: als eine Heldengeschichte. Wunder, aber auch die Leidensgeschichte selbst, werden auf das Notwendigste reduziert. Betont werden Sieg, Heldentat, Leiden als „sich bewähren“, eine durchaus diesseitige Freude. 2) Die „Aufklärung“ wird wörtlich verstanden, als Spiel mit Hell und Dunkel.

Beginnen wir mit dem zweiten Punkt: Hell und Dunkel.

Die Ouvertüre steht in traurigem Moll – aber nur deshalb, damit das Dur in dem ersten Rezitativ umso schöner zu Geltung kommt. Achten Sie auf den Übergang zwischen beiden Nummern: Das ist wahrhaftig eine Aufklärung.

Diese erste Nummer beginnt dann auch mit den Worten „Comfort ye“, „Tröste dich“. Hier finden wir bereits erste Ansätze von Motivarbeit, wie sie eigentlich erst in der Wiener Klassik vorkommt. Wobei „erste Ansätze“ untertrieben ist: Händels Erfahrung mit Sprachvertonungen zeigt sich daran, wie er die Worte „Comfort ye“ setzt.

Diese drei kleinen Noten bilden eine Trostgeste, von oben nach unten: als würde einer gesegnet werden. Ich habe oben geschrieben, dass das an die Wiener Klassik erinnert. Aber man kann noch weitergehen bis zu dem tschechischen Komponisten Leos Janacek (einem Vertreter der Moderne), der die Szenen in seinen Opern auf kleinen Motiven aufbaut, die ein ganz bestimmtes Gefühl komprimieren. Hören Sie diese erste Szene und achten Sie, wie dieses Geste auch als Orchestermotiv eine Rolle spielt.

Schöne Lichtklänge (und hier) umgeben natürlich auch die Engeln.

Bereits zuvor wurde der Übergang vom Schatten ins Licht prächtig dargestellt.

In der nachfolgenden Arie geht es ebenfalls um diesen Übergang. Das Volk wandelt im Dunklen und findet ins Licht.

In beiden Nummern dramatisiert Händel den Gegensatz zwischen Moll und Dur – auch das ist bereits vorklassisch.

Nun wollen wir uns noch einmal die politische Dimension dieses „Messiah“ anschauen.

Im 18. Jahrhundert hatte England die Zeit der politischen Wirren und Revolutionen hinter sich gelassen. Man holte sich aus Holland einen neuen König und installierte ihn auf den britischen Thron. Diese Könige verfügten natürlich nicht über eine jahrhundertelange Herkunft, auf die sie sich hätten berufen können. Diese musste erst künstlich hergestellt werden – dazu wurde auch die Kunst  propagandistisch benutzt. Mit dem Messias ist auch Englands König gemeint. Sein Geschlecht „kam neu zur Welt“, wurde jedoch bereits im alten Testament prophezeit, kann sich also auf eine Art mythische Herkunft beziehen. Deshalb beginnt auch der „Messiah“ nicht direkt mit der Geburt Jesu, sondern mit Szenen aus dem alten Testament.

Dieses Königsgeschlecht muss sich als siegreich darstellen. Deshalb wird die Wiedergeburt betont und das Leiden (als sich bewähren), jedoch nicht der Tod selbst. Der wird nur in einem kurzen Rezitativ erwähnt – eigentlich müsste man sagen: abgehakt. Und danach folgt sofort Dur – eine Aufhellung/Aufklärung.

Ein sehr konkreter Bezug zu diesen Wirren wird im Chor „All we like sheep“ hergestellt: „Der Herde gleich, vom Hirten fern, verwirrten wir zerstreut…“ Ohne den Hirten – den König – war die Herde zerstreut: also verloren in Aufständen und Revolutionen.