Manchmal geht es ganz plötzlich: Ein paar Tage bevor im Festspielhaus Baden-Baden Wagners „Rheingold“ konzertant gegeben wurde, war ich im Kino und schaute mir die neueste Alien-Folge an („Alien: Covenant“). Hier spielte Wagners Rheingold-Musik eine Rolle. Kein Wunder, dachte ich, denn: Mythen spiegeln sich gerne in anderen Mythen wider.

Und so beschloss ich in den gerade entstehenden Abendprogramm noch folgenden Text unterzubringen:


Der Hölle Herr und des Himmels Knecht

Die Götter von gestern werden morgen auf Raumschiffen reisen. Auf einem dieser Sternenfrachter hört ein schöner Mann dem „Einzug der Götter in Walhall“ aus Wagners „Rheingold“ zu. Es sind die Schlussszenen im SF-Film „Alien: Covenant“, der gerade in den Kinos angelaufen ist. Der schöne Mann ist allein und ein Bösewicht: Er züchtet Drachen, um die Menschheit zu vernichten. Wagners „Götter-Einzug“-Musik steigert sein Empfinden. Ihre Vergrößerungsmagie erlaubt es dem Bösewicht, sich übermenschlich zu fühlen. Er heißt David, ist so vollkommen wie die gleichnamige Renaissance-Statue und doch nur Mittel zum Zweck: Maschine in Menschengestalt, einst zum Sklaven erdacht, Fremdkörper – weder Fisch noch Fleisch, eine hybride Existenz, wie sie die Mythen bevölkern, die stets nur von einem erzählen: wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen und warum wir leiden müssen.

Weil auch Wagners „Rheingold“ am selben Mythos strickt, gibt es auch bei ihm manche zweifelhaften Kreaturen: Einer heißt Loge, ist halb Mann und halb Feuer, das ausbrechen will und beherrscht werden muss. Davids und Loges Bruder im Geiste ist Alberich, ein hässlicher Zwerg, der Frosch und Drache werden kann, nur nie jemand, dem erlaubt wird dazuzugehören. Götter thronen über ihm, Nixen demütigen ihn. Natürlich sind diese hässlich schönen Halb-, Über- und Mischwesen Projektionen: Sie stehen für Menschen, die sich aus diesem oder jenem Grunde als Versager fühlen – und deshalb einen Gotteskomplex entwickeln, die Welt bezaubern, beherrschen, retten oder zerstören müssen.

Die Menschheit ist eine gescheiterte Spezies, sie hat es nicht verdient, weiter zu existieren.“ sagt David im Film und Richard Wagner, der Fortgang seines Ring-Mythos zeigt es, gibt ihm Recht. „Willst du des Himmels Knecht sein, oder der Hölle Herr?“ fragt er weiter und auch hier ist Wagners Antwort eindeutig: Alberich, dem auf Herzen getrampelt wurde, entscheidet sich für Macht und Hölle. Der prächtige Wotan hingegen, gefangen in eigenen Gesetzen, ist des Himmels Knecht. Zum echten Glück fehlt Himmelsknecht und Höllenherr die Erdung. Der eine ist der Schatten des anderen, was Wagner durch einen genialen Kniff verdeutlicht: „Der Welt Erbe gewann´ ich zu eigen durch dich?“ fragt Zwerg Alberich zu einer Musik, die das zentrale Leitmotiv ausformuliert, jenes, das für den giftigen, machtverheißenen Ring steht. Im anschließenden Orchesterzwischenspiel, während der Hörer aus den Tiefen des Rheins in die Höhen der Wolkenstadt gehoben wird, verwandelt sich die Ring-Melodie in ein geheiligtes Motiv, eines, das Gott Wotan und seine Burg symbolisiert. Giftiges und Heiliges mischen sich (hier nochmal die ganze Metamorphose – bis etwa 26:00). „Variationen“ sagen Musiker dazu, von „Mutationen“ wird später der SF-Film gern reden. Das Wotan-Burgmotiv prägt übrigens die „Götter-Einzug“-Musik, zu der David träumen darf, dass er nun selbst Michelangelo ist.