Prokofjews Flötensonate fand so viel Anklang, dass man den Komponisten dazu drängte, sie auch für Violine zu bearbeiten. Als zweite Violinsonate ist die Musik dann auch bekannter geworden und dennoch: Ihrem Wesen nähert man sich am Besten über das schöne Original. Eine Flötensonate in Zeiten des zweiten Weltkriegs – das war ein Statement. Die Flöte ist das pastorale, friedliche Instrument schlechthin, eines, welches man mit Rokoko, Kindern und jungen Liebespaaren assoziiert. Sie ist sanft und für Klagen nicht geeignet. Und eben das war Programm: Mit dieser Sonate betrat der Komponist ein inneres Asyl. Er verschrieb sich der perfekt geführten Melodie, blieb damit als Komponist integer und bediente gleichzeitig den staatlich verordneten „sozialistischen Realismus“, der als Klassizimus eigener Art statt Hirten und Göttinen, Statuen von sowjetischen Bäuerinnen aufstellte. Sozialistische Mädels und Mannen, die lächeln und entschlossen blicken. Als westlich dekadenter Kapitalist möchte man ihnen nicht des Nachts begegnen – es sei denn, dass sie gerade selbstvergessen Flöte spielen.


Sergei Prokofjew: Sonate für Flöte und Klavier, D-Dur Op. 94 Komponiert 1943

Erster Satz: Moderato

Zweiter Satz: Presto – poco meno mosso

Dritter Satz: Andante

Vierter Satz: Allegro con brio – poco meno mosso

Diese Satzfolge könnte man „atmend“ nennen. Sie unterteilt die Musik in Langsam, Schnell, Langsam, Schnell. Wir finden so ein klassizistisches Formverständnis öfter in der russischen Musik (etwa in Prokofjews ersten Violinsonate oder fünften Sinfonie).


Erster Satz: Moderato

Sonatenhauptsatzform

Erstes Thema: Lyrisch, strahlend, auch verspielt. Von einer leichten Wehmut umweht. Volltaktig.

Zweites Thema: Lyrisch, pastoral, zurückgenommener. Ebenfalls leicht wehmütig. Auftaktig.

Exposition (bis 1:46)


Die Wiederholung der Exposition ist vorgeschrieben – was nicht mehr üblich ist und deshalb stets befolgt wird. Das Ritual der Wiederholung stellt den Klassizismus der Musik heraus.

Exposition (bis 1:46); Exposition; Durchführung (bis 5:32); Reprise (bis 7:01); Coda.


Anmerkungen

Dieser Satz bildet die standardisierte Sonatenhauptsatzform geradezu mustergültig ab und eignet sich deshalb hervorragend als Hörübung.

Die kristaline Form ist Programm – ebenso das Tempo „Moderato“, „Gemäßigt“: Herrschen in der Welt draußen Chaos und Krieg, so gelten in dieser Kunst Maß und Frieden. Der Komponist zieht sich in die innere Emigration zurück.

Beide Themen sind lyrisch. Deshalb muss die Überleitung dramatisch werden.

Eine Ausnahme gibt es von der Norm: Und diese ist dann auch zentral für das Verständnis des Werkes. Die Durchführung beginnt mit einem dritten, neuen Thema, einem Marsch.

Und so naiv rokokohaft sich der Marsch auch gibt: Marsch ist Kriegsmusik. Und die Flöte ist nicht bloß erste Wahl für naive Pastoralen, sondern als Piccolo im Verbund mit der Trommel auch ein kriegerisches Instrument.

Der fremde Marsch bricht also in die Durchführung ein. Und nun wird tatsächlich gekämpft: Dem Marsch stellen sich das erste und das zweite Thema entgegen. Im Klavier erklingt immer wieder ein kriegerisches  „Tatatata“ aus Tonwiederholungen.

Diese Durchführung klingt, als würde man eine Kriegsszene mit Spielzeugsoldaten nachstellen. Aber es bleibt eine Kriegsszene.

Die Coda, die den Epilog kurz weiterspinnt, wird eindeutiger: Solche selbstvergessenen Marschfetzen im Klavier findet man auch in Prokofjews Kriegssonaten (Klaviersonaten Nr. 6-8) wieder.


Zweiter Satz: Presto – poco meno mosso

ScherzoTrio-Scherzo (die Teile gehen direkt ineinander über).

Scherzo: Zwei Themen 3/4-Takt

Erstes Thema: typisch ausgelassenes Scherzo-Thema, das sich an seiner eigenen Virtuosität erfreut.

Zweites Thema: schneller, frecher Walzer.

Trio: langsam 4/4-Takt Thema 1a) und 1b)

Trio-Thema a): Betont schlichte, edle Melodik zu Bordun-Quinten im Klavier – also eine Pastorale.

Trio-Thema b): schnell, kindlich, ausgelassen. Ein Sprungthema. Man merkt, was für ein großer Ballettkomponist Prokofjew doch gewesen war.


Anmerkungen

Nun aber wirklich kein Krieg mehr. Dafür Bilderwelten aus Friedenszeiten, Kindermusik.

Obwohl: Die maschinenhaften Wiederholungen im Klavier (Ostinati), die „kubistischen“ Schnitte im Vorspiel sind zwar anarchistisch und lustig gemeint – und doch auch bedrohlich…

Die Melodien sind nobel und schön. Ein klassizistisches Statement gegen die Häßlichkeiten draußen.


Dritter Satz: Andante

A-B-A´-Form mit kurzer Coda.

A-Teil (bis 13:58); B-Teil (bis 15:04); A`-Teil (bis 15:44); Coda.


Anmerkungen

Der Satz ist der kürzeste der Sonate und dennoch so etwas wie ihr Herz.

Diese kleine Pastorale übersetzt das Hauptmotto des deutschen Klassizismus „Stille Einfalt, edle Größe“ ins Russische. Ich schrieb vorhin von „kristaliner Form“. Hier sind wir im Zentrum des Kristals. Diese Musik hat etwas von einem Stilleben, wo die Zeit gefriert.

Hier hat sich Prokofiew in der Melodiebildung selbst übertroffen. Er scheint geradezu demonstrieren zu wollen, wie und dass schöne Melodik noch möglich ist.

Die üblichen klassizistische Traditionen werden herausgestellt, so etwa:

Erklingt die Melodie erst in der Flöte, so sollte sie anschließend im Klavier folgen.

Der B-Teil ist gegenüber dem A-Teil belebter.

Der letzte A-Teil (A´) ist kürzer als der erste und bildet eine Synthese aus den vorherigen Teilen A und B. Dabei wird der B-Teil in den A´- Teil gewissermaßen überblendet.

Übrigens kann man hier auch Prokofjews Vorliebe für Kadenzen studieren. Er modernisiert die klassischen Schlussfloskeln. Achten Sie darauf, wie die Melodie etwas früher abschließt als die Begleitung. Wir hören hier deutlich die typische Kadenzformel: auf Spannung (die hier leicht verstärkt wird) folgt Entspannung (bis 18:22).


Vierter Satz: Allegro con brio – poco meno mosso

Mischung aus Sonatenhauptsatzform, Rondoform und ABA-Form. Wir konzentrieren uns auf die drei Hauptthemen (zwei Themen in der „Exposition“ und „Reprise“, ein drittes Thema anstatt einer Durchführung)

Erstes Thema: Ein gut gelauntes, dabei leicht steifes, weil „offizielles“ Finale-Thema.

Zweites Thema: Hiermit hat es etwas auf sich. Es werden klassische Übungen zitiert, die Prokofjew aus entsprechenden Schulwerken für Klavier und für Flöte übernimmt. Das Klavier spielt eine steife Oktaven-Legato-Übung. Dazu kommt eine Flötenübung. Und nun zeigt der Komponist, wie man aus solcher Musikgymnastik schöne, etwas traurige Musik zaubert.

„Drittes Thema“ (statt Durchführung): wieder ein langsames Thema mit betont edler Melodieführung – wie wir sie bereits im ersten Satz, im zweiten (Trio) und im dritten (Hauptmelodie) kennengelernt haben. Geht es um reine, „objektive“ Schönheit, ist die Flöte offensichtlich Prokofjews erste Wahl.