Von Tschaikowskis sechs Sinfonien sind im Westen die letzten drei berühmt geworden. Seit einiger Zeit hört man verstärkt auch die erste Sinfonie – und das zurecht: Ihre Musik ist genialisch, trotz einigen Schwächen, die man bei diesem Komponisten ja immer findet. Obgleich die Sinfonie noch nicht so überdramatisch klingt wie die großen 4-6, so ist sie doch ebenso persönlich – ihr Titel „Winterträume“ lässt das anklingen. Das Persönliche kollidiert bereits hier mit dem Anspruch, zugleich repräsentative Staatsmusik sein zu müssen. Sinfonische Musik war im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert stets auch ein politisches Statement. Die Gattung, die ursprünglich aus Deutschland und Österreich stammt, wurde erst international und dann sofort wieder neo-national:  Ein Künstler hatte den Nachweis zu erbringen, dass sein am Rande liegendes Land (Russland, Finnland, Tschechien etc.) gleichberechtigt auf dem Markt der Waren und Eitelkeiten zu bestehen weiß – eben weil seine Kunst die nationale Karte als Quelle ihrer Stärke ausspielte. Aus diesem Grund auch baute man Künstlern Denkmäler und gewährte ihnen Staatsrenten, wie im Fall des Finnen Jean Sibelius. Und deshalb enden auch diese zarten „Winterträume“ mit einer monströsen Zarenhymne. In seinen beiden Folgewerken macht sich Tschaikowski weiter auf die Suche nach der Großen Repräsentativen Russischen Sinfonie und streift dabei alle zu persönlichen Bezüge wieder ab. Diesen Fehler wird er später revidieren – in den ausufernden, biographischen 4-6.

Übrigens hat den Komponisten die Arbeit an seinem sinfonischen Erstling psychisch arg mitgenommen. Ich finde, das hört man. Es gibt wahnhafte Stellen darin.

Ein Tipp: Lesen Sie sich zuvor den Text „Wie höre ich eine Sinfonie / ein Klavierkonzert“ durch – etwa in der „Klassikakademie“.


Sinfonie Nr. 1 „Winterträume“ in g-Moll op. 13. Entstanden 1866.

Erster Satz: Allegro tranquillo „Traum von einer Winterreise“

Zweiter Satz: Adagio cantabile, ma non tanto „Land der Öde, Land der Nebel“

Dritter Satz: Allegro scherzando giocoso

Vierter Satz: Andante lugubre – Allegro moderato – Allegro maestoso


Erster Satz: Allegro tranquillo

Überschrift: Traum von einer Winterreise

Sonatenhauptsatzform ohne langsamen Einleitung – dennoch: ein minimales Vorspiel gibt es schon, ein paar Takte Streichertremmolo, das an den leisen Wind einer Winternacht erinnert, bevor das eigentliche erste Thema in den Bläsern beginnt.

Erstes Thema Lyrisch, geheimnisvoll, suchend. Voll zarter Blässe, nicht zu männlich.

Zweites Thema  Blüht auf wie eine Blume, warm, melodisch.

Exposition: (bis etwa 4;06)


Exposition: (bis etwa 4;06) Durchführung  (bis etwa 6;51) Reprise  (bis etwa 9;20) Coda 


Anmerkungen:

Für Tschaikowski typisch ist die bezaubernde Instrumentation – etwa der eigenständigen Schlussgruppe, die hier sehr klar an das zweite Thema anschließt.

Thema 1 und Thema 2 sind eher lyrisch und sehr melodisch – dabei miteinander verwandt. Eine Verwandschaft, die so fein und kunstvoll ist, dass sie sich dem Hörer nicht aufdrängt. Etwas für die Kenner unter den Liebhabern:

 

 

Dass Tschaikowski mit zwei lyrischen Themen arbeitet, stellt ihn vor ein typisches Problem: Eine Sinfonie soll ja Spannung aufbauen, auch Spannung halten. Lyrisch folgt auf Lyrisch – da fehlt Spannung. Deshalb muss die Überleitung zwischen Thema 1 und 2 selbst dramatisch werden: Sie baut eine Steigerung auf (bis etwas über 2.00), die jedoch eher ungeschickt als organisch wirkt, weil sie zu viel Zeit benötigt. Schöne, organische Überleitungen werden Tschaikowski nur selten gut gelingen.

Diese Steigerung / Überleitung legt der Komponist dialektisch an: Das lyrische Hauptthema würzt er mit einem rhythmischen Motiv (zuerst in den Holzbläsern, später in den Bässen). Es ist das nervöse Teufelchen im Satz: stört Idyllen und wuselt vor sich hin, etwa in der Coda, die fast schon an eine zweite kleine Durchführung erinnert.

Apropos nervös: In der Durchführung hört man ein Zucken in den Streichern.

Die Durchführung steigert sich zum Drama: Das Blech schmettert, bis die Musik zusammenbricht. Danach: Automatisierte Bewegungen im Orchester: als würde einer, der einen Schock erlitt und zusammenbrach, nun sich selbst zu Ruhe wiegen, immer noch erregt und nervös.

Tolle (im wahrsten Sinne des Wortes, weil „verrückte“) Überleitung von der Durchführung zur Reprise. Beachten Sie die Dissonanzen in den Bläsern, überhaupt die zitternden Bläser, während das Hauptthema in der Reprise von den Streichern gespielt wird.

Die Coda arbeitet mit Raumillusionen: Lauter- und Leiser-Werden, als würde die Musik näher kommen und sich dann wieder entfernen. Schlittenfahrt in einer Winternacht?


Zweiter Satz: Adagio cantabile, ma non tanto

Überschrift: Land der Öde, Land der Nebel

Langsamer Satz. Freie Formreihung. Trotz der Überschrift ein sehr schöner, durchaus freundlicher Satz. Zwischendurch erklingen Vogelstimmen. Später ein Hornsolo. Zu Beginn jedoch gedämpfte Geigen wie warme Kissen. Gibt es das: ein russisches Pendant zu Frau Holle?

Die Musik intensiviert sich ständig. Das eigentliche Hauptthema erklingt drei Mal, jedesmal anders instrumentiert und bedrängender: 

1(mit Vogelrufen in der Flöte)  – 2 – 3


Dritter Satz: Allegro scherzando giocoso

Scherzo Trio – Scherzo – Coda

Luftig instrumentiertes Scherzo in 3/8-Takt. Die leicht wahnhafte Penetranz kommt durch die feinen rhythmischen Unregelmäßigkeiten (gespiegelte Rhythmen) zustande. Statt 1;2;3 – 1;2;3 strukturiert die Musik: 1/1-2//1-2/1

Im Trio erklingt einer der vielen wunderbaren Walzer des Komponisten. Dieser Walzer taucht dann wieder in der Coda auf.


Vierter Satz: Andante lugubre – Allegro moderato – Allegro maestoso

Freie Sonatenhauptsatzform mit langsamer Einleitung.

Erstes Thema (männlich, lärmend, Staatsmusik, russisch)

Zweites Thema (wie ein Volkslied, dabei treibend, männlich, russisch)

Waren im ersten Satz beide Themen eher lyrisch, weiblich, so ist es hier genau andersrum.

Exposition (bis etwa 33;40)


Langsame Einleitung  (bis etwa 32;08); Exposition (bis etwa 33;40); Durchführung  (bis etwa 35;07) Reprise  Achtung: Zweites Thema nimmt die Musik der „Langsamen Einleitung“ wieder auf und verwächst dann mit der Coda.


Anmerkungen:

Wie in dem Text „Tschaikowskis S-Klasse“ beschrieben, sind die Sinfonien Denkmäler, also: politische Musik. Sie feiern den Zaren, enden also mit der Zarenhymne (nicht der berühmten Zarenhymne – aber einer guten Imitation). Weil Russlands Hof jedoch das preußische Heer imitierte, erinnert die Musik an Russisches und an Deutsches zugleich – wir kennen vergleichbare Beeinflussungen auch heute, Stichwort „Russendisco in Berlin“. Denn während wir im ersten Satz irgendwo auf dem Lande herumirrten, sind wir nun in der mit Fahnen geschmückten Hauptstadt.

Hier also die preußische Zarenhymnedas lärmende Ziel der Sinfonie. Sie wird bedacht vorbereitet: Zuerst erklingt die Melodie in der langsamen Einleitung, dann im zweiten Thema und dann erst als Zarenhymne

Dieser Satz ist ein typisch lärmendes Finale seiner Zeit, mit einer Fuge in der Durchführung und kontrapunktischen Elementen in den Überleitungen. So etwas war damals modern. Tschaikowski importierte hier den deutschen Motor „Kontrapunkt“ und setzte die russische „Zarengold“-Autohaube drauf.

Vergessen Sie den lauten Kram! Und hören eher hierhin: der großartige Tschaikowski-Irrsinn, der jede Staatsaktion sprengt (direkt vor der Zarenhymne! Großartige Nachbarschaft). So etwas hatten wir auch schon im ersten Satz.