Öffnung zum Westen hin oder Ausbau eigener Traditionen? Das war schon im neunzehnten Jahrundert die entscheidende Frage in Russland. In dem Konflikt „Russische Schule gegen Westler“ war Tschaikowski Galionsfigur der Westler, auch wenn er sich selbst als Vermittler sah. Nie wieder ist der Komponist den Idealen des „Mächtigen Häufleins“  so nahe gekommen wie in seiner zweiten Sinfonie. Der berühmten Künstlergemeinschaft um die Komponisten Borodin, Rimsky-Korsakov und Mussorgski herum gefiel an der Musik, dass sie ukrainische Volkslieder zitiert. Gleichzeitig orientiert sich der Komponist am übermächtigen Vorbild aller Denkmalerbauer: Beethoven. Kommt bei dieser Verbindung zwischen Ost und West die Form hier und da auch vor die Hunde, so faszinieren doch die heftigen Vulkanausbrüche sowie die sprechende, auch bizarre Klanggestalt dieses schmutzigen kleinen Nebenwerkes.


Sinfonie Nr. 2 c-Moll op. 17 „Kleinrussische“ Entstanden 1872

Erster Satz: Andante sostenuto – Allegro vivo

Zweiter Satz: Andantino marziale quasi moderato

Dritter Scherzo: Allegro molto vivace

Vierter Satz: Finale. Moderato assai


Erster Satz: Andante sostenuto – Allegro vivo

Sonatenhauptsatzform mit langsamer Einleitung.

Erstes Thema (wirkt kantig, volkstümlich, nervös  – besonders in der Streicher-Wiederholung).

Zweites Thema (lyrisch, darf sich nicht entfalten, bleibt episodenhaft)

Exposition (bis etwa 5;55)


Langsame Einleitung (bis etwa 3;48); Exposition (bis etwa 5;55); Durchführung (bis etwa 7,27); Reprise (bis etwa 9.13); Coda.

Anmerkungen:

Verglichen mit dem eigentlichen Satz, der auffällig kurz, ja gedrängt wirkt, ist die Langsame Einleitung riesig. Ihre Musik – Tschaikowski verwendet das Volkslied „Drunten bei der Mutter Wolga“ – kehrt in der Coda wieder und wird in einer schnelleren Form in der Durchführung verarbeitet. Hier wiederholt der Komponist ein Prinzip, das er zuvor in seiner „Romeo und Julia“-Ouvertüre einsetzte: Was dort das Klosterthema war, ist hier das Volkslied.

Die dramaturgische Hauptidee des Satzes in zwei Worten: Kraft, Entfesselung. Das ständig wiederholte Volkslied in der Langsamen Einleitung wirkt wie eine magische Beschwörung, die verborgene Kräfte anruft.

Die Gedrängtheit im eigentlichen Hauptsatz hat ein klares Vorbild: den ersten Satz aus Beethovens fünfter Sinfonie. Dafür steht auch das c-Moll des Werkes, ein sehr deutlicher Wink im neunzehnten Jahrhundert. Das erste Thema erinnert zwar an ein Volkslied – aber besonders in seiner Streicherversion eben auch an das berühmte ta-ta-ta-taaaa-Motiv aus Beethovens fünfter Sinfonie. Und dass das zweite Thema episodisch bleibt, entspricht ebenfalls Beethovens Vorbild.

Was Tschaikowski an Beethovens fünfter Sinfonie faszinieren musste, war die komponierte Explosion, der Drang nach vorn.  Dieser Drang findet bei Tschaikowski ein Ziel: den kurzen Höhepunkt am Ende der Durchführung.


Zweiter Satz: Andantino marziale quasi moderato

(Nicht zu) langsamer Satz. Standarisierte ABA-Form. Marsch, den Tschaikowsky aus der von ihm vernichteten Oper „Undine“ hinüberrettete. Im Mittelteil erklingt das Original-Lied „Spinn, meine Spinnerin“.

A, B, A`

Anmerkungen:

Die charmante Musik wirkt etwas leichtgewichtig – der Satz ist zu hübsch gerade für diese aufgeraute Sinfonie, er würde eher zu einer Suite passen. Dennoch lohnt es sich hierbei über etwas Grundsätzliches nachzudenken: Diese Musik ist weniger komponiert, als arrangiert. Wir haben hier ein Potpourri vor uns– wie oft bei den Russen dieser Zeit. Deren Vorliebe für das Arrangieren von Melodien (nichts anderes ist ein Potpourri) macht diese Musik bei großem Publikum so beliebt, wie bei Kritikern verdächtig. Entsprangen diese lockeren Arrangements nun kompositorischer Unfähigkeit oder waren sie Programm? Kaum kann man das eine von dem anderen trennen. Diese kunstlose Kunst (so würde ich sie nennen), die sich in ständigen Wiederholungen und Arrangements gefällt, ist ein sehr bewusster Gegenentwurf zu Verarbeitungstechniken des Westens. Man höre sich den B-Teil an, in dem das Lied „Spinn, meine Spinnerin“ arrangiert wird: Indem Tschaikowski auf thematische Arbeit verzichtet, darf sich der Klang verselbständigen. So verfremdet sich das Lied, wirkt magisch und bizarr. Es sind die Klänge selbst, die zu sprechen beginnen – dass dabei die emanzipierten Bläser besonders beredt wirken, zeugt von Tschaikowskis lebenslanger Mozart-Liebe. Solche Instrumentationskunst ist ein Feld für sich. Auch ein Rimski-Korsakow instrumentierte sehr gut, ja, noch viel raffinierter als Tschaikowski. Aber beim ersten wirken die Farben wie Luxus und Schmuck, während sie beim letzten ein Eigenleben führen dürfen.


Dritter Scherzo: Allegro molto vivace

Scherzo Trio – Scherzo – Coda

Die Musik drängt wieder mächtig nach vorn, wie zuvor im ersten Satz. Das Trio verarbeitet laut Wikipedia ein ukrainisches Scherzlied. In der Coda werden Scherzo-Musik und Trio-Musik kombiniert.


Vierter Satz: Finale. Moderato assai

Freie Sonatenhauptsatzform mit Anklängen an Variationsform

Erstes Thema a (Zarenhymne) erinnert an „Das große Tor von Kiew“ aus den „Bildern einer Ausstellung“ von Mussorgski (hier in der Instrumentation von Ravel zitiert).

Erstes Thema b Variation von a. Volksliedhaft, bewusst banal, kunstlose Kunst. Bauernlied. Variation des Liedes „Der Kranich“

Zweites Thema  Ruhepol zum ersten Thema. Wenig Eigenwert.

Exposition (bis etwa 29;45)


Exposition (bis etwa 29;45); Durchführung (bis etwa 33;02); Reprise (umgedreht: erst kommt das zweite Thema, dann das erste. Mit dem ersten Thema beginnt gleichzeitig die Coda).


Anmerkungen:

Der Satz wirkt heute misslungen – interessanterweise ist er damals sehr gut angekommen. Die Überführung von Beethoven-Lärm in Russisch-Lärm wurde von den Zeitgenossen als gewaltiger Fortschritt aufgenommen. Denn hier ist vieles Beethoven: das C-Dur-Finale aus dessen fünfter Sinfonie, das so gar keine Angst vor Pauken, Trompeten, Piccolo kennt. Zusätzlich holt sich Tschaikowski bei den banalen Variationen des Bauernthemas (erstes Thema b) Rückendeckung aus Deutschland: Beethoven hat das Finalthema seiner „Eroica“ doch ähnlich schlicht begonnen

Natürlich macht die stupide Wiederholung des Bauernliedes Spaß beim Hören. Nur irgendwann, so ab der Durchführung beginnt das Ganze zu nerven. Die kunstlose Kunst ist da einfach zu kunstlos.

Beethoven hin oder her, dass das Bauernlied sich dann noch zur Sonatenhauptsatzform runden muss, wirkt akademisch. Das zweite Thema als formales Gegengewicht überzeugt nicht. Auch die Umkehrungen in der Reprise (erst zweites und dann erstes Thema) sind nicht etwa ein Zeichen von Originalität. Nachdem das erste Thema penetrant die Durchführung beherrscht hatte, hätte man es in der Reprise kaum mehr ertragen – deshalb rettet sich der Komponist durch die Vorwegnahme des zweiten Themas. Tschaikowski verliert hier ein wenig die Kontrolle über die Kräfte, die er rief (siehe auch „Das Heer und die Sinfonie“). Schön sind dann wieder die besoffene Piccolo in der Coda und der große Gong aus Peterchens Kinderzimmer. Wie das kracht!