Sie haben sich mit der standarisierten Sonatenhauptsatzform angefreundet? Inzwischen kennen Sie ein paar Werke aus dem 19. Jahrhundert und finden sich in einer Exposition gut zurecht? Dann könnten Sie langsam Ihr Hören erweitern. Dieser Text macht Sie mit einer ungewohnten Hörtechnik bekannt. Wieder gilt: Überfordern Sie sich nicht. Versuchen Sie zu erahnen, worum es geht und üben Sie das Hören am „Werk der Woche“. Suchen Sie sich dazu gezielt Werke aus dem 18. Jahrhundert heraus.


Beginnen wir ganz einfach.

Hören Sie einmal in die Exposition dieses Haydn-Quartetts hinein. Wann beginnt das zweite Thema?

Quartett Op. 64 Nr. 5 1. Satz   (Exposition bis etwa 1:25)

Wenn Sie das zweite Thema gefunden haben – oder auch nicht -, lesen Sie weiter:


Die Antwort lautet: Es gibt kein zweites Thema. Dieser Satz ist eine monothematische Sonatenhauptsatzform – wie so oft bei Joseph Haydn.

Die Exposition sieht also so aus:

Vorspiel (Erstes Thema a)

Erstes Thema (erstes Thema b)

Überleitung

Schlussgruppe.

Überleitung und Schlussgruppe gehen ineinander über.

Nun lautet aber die Frage:

Wie HÖRT man eigentlich die Überleitung-Schlussgruppe?

Besser gefragt: Wie GENIESST man die Überleitung-Schlussgruppe? Dieser Teil klingt nämlich eher spröde, vor allem im Vergleich zu dem hübschen (aber auch etwas pantoffligen) Hauptthema in der hohen Geige.

Hier sind wir nun an einem interessanten Punkt angelangt. Die Zuhörer haben meist mit Musik kein Problem, wenn diese Musik

  1. melodisch ist
  2. rauschhaft
  3. hypnothisch
  4. oder leidenschaftlich.

Die Überleitung-Schlussgruppe ist aber nichts von alledem. Das ist musikalischer Überleitungskram, scheinbarer Leerlauf. Und da werden die Zuhörer schnell unruhig.

Sie empfinden solche Stellen oft als überflüssig und langweilig; als eine Art „musikalischer Blinddarm“ – es fehlte nichts, würde man ihn wegschneiden…

Und da Haydns Musik voller solcher Stellen ist – also Stellen, die weder melodisch, noch rauschhaft, hypnothisch oder leidenschaftlich sind -, ist diese Musik beim großen Publikum und auch bei vielen heutigen Musikern nicht sehr beliebt. Ganz anders als zu Haydns Lebzeiten.


Es muss also eine Art Hören gegeben haben, die sich uns heute nicht mehr so ohne weiteres erschließt – anders als Haydns Zeitgenossen. Und dieses Hören sollten wir uns wieder aneignen, um der Musik Haydns und Mozarts, Beethovens und Schuberts gerecht zu werden.


Kadenzen hören.

Diese Art des Hörens können wir heute natürlich nur rekonstruieren – das allerdings ziemlich gut.

Die Haupthypothese lautet:

In der Musik des 18 Jh. spielten nicht nur Melodien (Themen) und Motive eine wesentliche Rolle – sondern auch Kadenzen.

Wichtig: Eine Kadenz ist nicht das gleiche, wie eine virtuose Solokadenz, die wir etwa beim Solokonzert kennengelernt haben – auch wenn die Solokadenz auf die Kadenz zurückgeht.

Eine Kadenz ist eine Schlussfloskel. Sie setzt sich zusammen aus Melodie, Harmonie und Rhythmus, aber die konkrete Machart braucht uns hier nicht zu interessieren. Wichtig ist: Eine Kadenz ist im Normalfall leicht zu hören. Eigentlich sogar kinderleicht. Aber versuchen Sie es doch selbst:

Ein Beispiel, das jeder kennt: das Lied „Alle meine Entchen“.

„Alle meine Entchen schwimmen auf dem See – schwimmen auf dem See; Köpfchen unter Wasser, Schwänzchen in die Höh.“

Singen Sie sich das Lied vor. Wann hört das Lied auf? Es endet auf die Worte: „Schwänzchen in die Höh“. Damit wissen wir:

Die Kadenz erklingt zu den Silben „Schwänzchen in die Höh.“

Stellen Sie sich vor, Sie singen das Lied jemandem vor, der es noch nie gehört hat – vielleicht sogar einem Kind. Dennoch wüsste dieser Mensch höchstwahrscheinlich intuitiv, wann die Melodie endet. Das ist viel außergewöhnlicher, als es einem zuerst erscheint! Wir wissen auch bei neuen Melodien, wann diese enden. Wir erkennen eine Schlusswirkung – hören die Kadenz.

Nun stolpern Sie nicht in die Falle, indem Sie die Kadenz zu analysieren versuchen, etwa so: „Aha, bei einer Kadenz fällt die Melodie am Schluss“. Nichts da. Es gibt auch Kadenzen, da steigt die Melodie am Schluss oder bleibt auf einem Ton liegen. Denken Sie nicht zuviel. Es reicht, wenn Sie es eindeutig SPÜREN: Bei „Schwänzchen in die Höh“ endet die Melodie.

Und nun hören wir wieder in unseren Haydn-Beispiel hinein – und die Frage lautet: Wann hören Sie die erste Kadenz?

Die Antwort lautet: bei 0:11.

Haben Sie diese Kadenz hören können? Haben Sie gehört: Hier endet eine musikalische Phrase? Bravo! Es ist gar nicht so schwer.

Man sollte eine solche Kadenz mit einem Satzzeichen vergleichen: einem Punkt oder einem Ausrufungszeichen am Ende eines gesprochenen oder geschriebenen Satzes.

Hier noch zwei kleine Übungen:

Versuchen Sie in dieser Exposition (Haydn Sinfonie Nr. 88 1. Satz) die erste Kadenz zu hören.

Bei Haydn folgt die Kadenz schnell – bei 1:26: Solche Haydn-Themen, die von einer raschen Kadenz abgeschlossen werden, nenne ich in Anlehnung an eine Schokoladenmarke „quadratisch, praktisch, gut“.

Und nun hier, zu Beginn von Mozarts Adagio aus dem fünften Violinkonzert. Wann hören Sie jetzt eine Kadenz?

Bei Mozart muss man sehr lange warten. Die Phrasen runden sich immer wieder, aber sie schließen nicht wirklich. Die erste (kleine) Kadenz kommt erst ganz kurz bei 10:41 und dann so richtig bei 10:53 (man könnte sich streiten, ob bei 10:46…). Das hat etwas mit der erotischen Rokoko-Ästhetik zu tun: Der Schluss wird immer weiter hinausgezögert.

An Mozart konnte man auch hören: Eine Kadenz erkennt man nicht immer daran, dass eine musikalische Phrase in einer Pause mündet. Gerade bei diesem Beispiel passiert das oft – dennoch: Ein echter Schlusspunkt folgt erst bei 10:53. Direkt danach setzt die Sologeige an. Durch die Vermeidung der Kadenz hält Musik die Spannung, bis endlich die Geige ihren Vortrag beginnt.

Es gibt auch musikalische Phrasen, die mit einer Art Komma, einem Fragezeichen, oder einem Doppelpunkt auslaufen. Dann sprechen wir von einem Halbschluss. Eine Kadenz ist ein Ganzschluss. In Mozarts Beispiel haben Sie einige Halbschlüsse gehört, aber nur eine große Kadenz. Aber all das wird noch später drankommen.


Phrasenüberlappung

Wiederholen Sie die vorherige Hör-Übung mit dem Haydn-Quartett-Beispiel. Hören Sie also den Beginn und achten Sie auf die erste Kadenz. Dann hören Sie weiter und versuchen die nächste Kadenz zu hören.

Tja. Nachdem die erste Kadenz recht einfach war, ist die zweite Kadenz viel schwieriger zu finden – oder auch gar nicht.

Das ist auch so gewollt.

Bevor wir nun zu der zweiten Kadenz kommen, schauen wir uns zwei Sätze an. Der Verweis auf gesprochene / geschriebene Sprache ist nicht zufällig: Die Musik des 18. Jh. ahmt die Sprache nach.

Nun denn:

„Nach dem Sport trinke ich viel Wasser. Wasser ist gesund und erfrischend.“

Der erste Satz endet, wie der nächste beginnt: mit „Wasser“.

Das ist sprachlich nicht wirklich schön. Wir helfen uns etwa so weiter:

„Nach den Sport trinke ich viel Wasser. Das ist gesund und erfrischend.“

In der Musik gibt es etwas ähnliches. 

Aus

„Nach dem Sport trinke ich viel Wasser. Wasser ist gesund und erfrischend.“

würde dann:

„Nach dem Sport trinke ich viel Wasser ist gesund und erfrischend.“

Beide Sätze überlappen sich. Man spricht deshalb, auf die Musik übertragen, von einer Phrasenüberlappung. Das Ende der einen Phrase  (die Kadenz) ist gleichzeitig der Beginn der nächsten.

Bevor wir versuchen diese Phrasenüberlappung bei Haydn zu hören, wechseln wir erst einmal kurz zu Beethoven.

Hier, am Beginn des langsamen Satzes aus Beethovens sechster Sinfonie: Versuchen Sie die erste Kadenz zu hören. Wann endet die erste musikalische Phrase?

Diese Phrase endet bei 0:37. Man kann das gut hören, weil Beethoven die Spannung zur Kadenz hin steigert. Gleichzeitig ist dieses Ende ein neuer Beginn: Genau hier beginnt nämlich die nächste Phrase. Wir haben also eine Phrasenüberlappung: Der Schluss der eine Phrase geht über in den Beginn der nächsten.

Und nun noch einmal zu Haydns Quartett-Beispiel:

Zu Beginn ist es recht einfach: Die Kadenz (bei 0:11) haben wir schon bestimmt. Die nächste Kadenz verschwindet in einer Phrasenüberlappung. Finden Sie sie trotzdem?

Die verschwundene Kadenz (Phrasenüberlappung) wäre ungefähr bei 0:28. Hier endet die Melodie eigentlich, wird jedoch sofort weitergeführt. Hören Sie noch einmal hin, bis Sie die verschwundene Kadenz bei 0:28 gut erahnen können.


Musik für höfische Elite

Halten wir kurz inne. Ich habe wiederholt erklärt, dass es eine ganze Menge Musik gibt, die nicht wirklich konzentriert gehört werden will: Musik, die berauscht, oder beruhigt, zum Tanzen anregt oder einen in extreme Gefühle stürzt.

Die Musik, die wir nun kennengelernt haben (Haydn), will von allerdem nur wenig.

Das nun ist eine Musik, die wirklich auf die Vernunft baut und sehr konzentriert gehört werden will. Damit ist Haydns Musik eine für Eliten – die Eliten des 18. Jahrhundert, die eine gute, vielleicht fürstliche Erziehung genossen haben. Im heutigen Konzertalltag sieht es ganz anders aus: Erklingt Musik von Haydn oder Mozart, denken viele, ach das ist ganz einfach. Da muss ich mich kaum konzentrieren.

Diese Hörer verpassen alles. Dass die Musik Haydns oder Mozarts „einfach“ klingt, ist Teil ihrer raffinierten Ästhetik.


Weiter geht´s: In Haydns Exposition

Nun hören wir aber wieder in Haydns Exposition hinein.

Die erste Kadenz liegt bei 0:11, die erste Phrasenüberlappung bei 0:28.

Versuchen Sie die nächsten Kadenzen herauszuhören. Genauer gesagt: die nächsten Phrasenüberlappungen. Ein Witz ist nämlich, dass in der Exposition nur eine klare Kadenz (0:11) vorkommt. Alle weiteren Kadenzen verstecken sich mehr oder weniger deutlich in Phrasenüberlappungen.

Versuchen Sie einige davon zu hören. Notieren Sie sich die Zeitangaben, an denen Sie die Phrasenüberlapungen hörten und vergleichen es mit den Angaben im folgenden Satz:

Die Kadenzen (fett, danach Phrasenüberlappungen):

0:11… 0:28… 1:11… 1:19… 1:22… die letzte Phrasenüberlappung geht direkt über in die Wiederholung der Exposition.

Haben Sie die Kadenzen (Phrasenüberlappungen) gehört? Nicht alle? Hören Sie zwei, drei Mal in den Musikbeispiel hinein! Das alles ist eine Sache des Trainigs. Nachdem er zuvor lange gesucht hatte, kündigt Haydn eine Kadenz bei 1:11 groß an – um dann die Musik wieder in eine Phrasenüberlappung zu münden. Das sind alles höchst intelligente Witze – Haydns Musik spielt mit der Wahrnehmung seiner Zuhörer.

Sie haben womöglich noch mehr Kadenzen/Phrasenüberlappungen gehört? Kann sein, dass mir etwas durch die Lappen gegangen ist. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass Sie Halbschlüsse hörten. Das macht aber nichts.

Hauptsache Sie und ich AHNEN, worum es hier geht.

Den Rest macht die Übung.


Jetzt schauen wir uns noch einmal die ermittelten Zeitangaben an und setzen eine Null davor:

0:00...0:11… 0:28… 1:11… 1:19… 1:22…

Vergleichen wir die Längen zwischen den Kadenzen / Phrasenüberlappungen:

11 Sekunden, 17 Sekunden, 43 Sekunden, 8 Sekunden, 3 Sekunden

Es ist ein kleines Muster zu erkennen:

Zu Beginn und am Schluss stehen sich die Kadenzen einigermaßen nahe. In der Mitte ist ein längerer Abschnitt ohne Kadenzen (43 Sekunden). Gegen Schluss rücken die Kadenzen dicht aneinander (3 Sekunden).

Das ergibt eine musikalische Architektonik, die ich Ihnen in einem anderen Text erklären werde. Hier und heute geht es nur darum, dass Sie das Hören der Kadenzen (und der Phrasenüberlappungen – ebenfalls Kadenzen, aber versteckte) trainieren.


Wozu das Ganze?

Das hier sind bloß ein paar erste Schritte: aber bereits sehr entscheidende.

Sie könnten natürlich einwenden: Wozu soll ich auf Schlussfloskeln (Kadenzen) hören? Diese sind ja nicht einmal besonders schön – und oft verstecken sie sich ja auch.

Dazu sind zwei Punkte zu sagen:

  1. Wenn Sie auf die Kadenzen hinhören, hören Sie tatsächlich zu: und zwar mit dem ganzen Körper. Sie werden zu einem musikalischen Schmetterlingsfänger, der auf der Lauer liegt, dabei die Spannungsverläufe der Musik auf seine eigene Körperspannung überträgt, um eine Kadenz oder Phrasenüberlappung „zu fangen“ – möglichst auf die Zehntelsekunde hin, also nicht davor oder danach. Noch einmal: Sie lernen so mit Ihrem ganzen Körper zu hören. Und darum muss es gehen. Wenn Sie das an dieser Musik einüben, werden Sie es auch auf andere Musik übertragen.
  2. Die Kadenzen und Phrasenüberlappungen (die ja ebenfalls Kadenzen sind, nur eben verborgene) werden gemeinsam eine musikalische Architektur ergeben – die wir in den nächsten Texten noch genauer kennenlernen.