Wie gut, dass Schubert keinen Lektor hatte.


Strawinsky soll mal über Schubert gesagt haben, was schadet es, wenn ich bei dieser Musik manchmal einschlafe, werde ich doch wieder von den allerschönsten Melodien geweckt. Etwas davon klingt in Schumanns Ausspruch an von den „himmlischen Längen“ in Schuberts Musik. Und das zurecht: Die Lieder Acht bis Zehn aus dem Zyklus „Die schöne Müllerin“ sind allesamt im Dreierrhythmus gehalten (3/4, 6/8, 6/8 – die Lieder Neun und Zehn stehen nicht nur beide im 6/8Takt, sondern auch noch in derselben Tonart). Alle drei Lieder sind langsam, ausgesprochen lyrisch und in Strophen unterteilt (also: Strophe folgt auf Strophe folgt auf Strophe…). Reinster Biedermeier, Idylle pur. Hätte Schubert nicht ein wenig ABWECHSLUNG bieten können? Wenn ich ein Müllerin-Seminar halte, lasse ich Leute diese drei Lieder hintereinander hören und frage danach: Worum ging es im TEXT? Oft sage ich sogar vorher: Konzentriert euch auf den Text. Dennoch ist das Ergebnis immer gleich: Keiner weiß den Inhalt, alle sind bei dieser wunderschönen Musik sanft und glücklich eingeschlafen. Niemand hat „konzentriert zugehört“ – trotz meiner ausdrücklichen Anweisung genau dies zu tun. (Macht selbst die Probe aufs Exempel!) Nun, was haben die Schläfer verpasst? In exakt diesen drei Liedern findet die erste wirkliche Begegnung zwischen dem Müller und seiner Angebeteten statt. Das muss man sich mal vorstellen: In diesem Zyklus geht es um Wahnsinn und Selbstmord. Die „Schöne Müllerin“ ist ein Drama. Diese drei Lieder sind ein erster Höhepunkt. Ein vorschneller Regisseur könnte glatt sagen: Schubert hat diesen Höhepunkt dramaturgisch versenkt. Hat er das wirklich? Kluge Frage. Mit dem gesunden Menschenverstand (siehe Nicht zu…) kommen wir hier nicht weiter.

Vorläufige Antwort zu den Liedern. Vielleicht fand die Begegnung zwischen Müller und Müllerin ja nie statt. Vielleicht belügt der Verliebte: uns, sich selbst. Und die Musik verpackt seinen Bericht in Wolken.