Als Beethoven seine erste Sinfonie vollendete, war er bereits 30 Jahre alt und somit ein echter Spätentwickler, verglichen etwa mit Schubert, der acht Sinfonien schrieb und bereits mit 31 Jahren starb. Unser Komponist ließ sich also viel Zeit mit seinem Erstling, der noch an Haydn erinnert und wenig von dem ahnen lässt, was auf diesem Feld noch folgen sollte. Und doch: Bereits diese Sinfonie ist ein politisches Werk. Sie verarbeitet Revolutionsfanfaren in sinfonisch anspruchsvolle Musik und schafft es wunderbar, die aufgeheizt jugendliche Stimmung dieser Epoche einzufangen.


Ludwig van Beethoven, Sinfonie in C-Dur op. 21 Uraufführung 1800

Erster Satz: Adagio molto – Allegro con brio

Zweiter Satz: Andante cantabile con moto

Dritter Satz: Menuetto (Allegro molto e vivace)

Vierter Satz: Adagio – Allegro molto e vivace


Erster Satz: Adagio molto – Allegro con brio

Sonatenhauptsatzform mit langsamer Einleitung.

Erstes Thema: revolutionär, aufstrebend, „männlich“

Zweites Thema: lyrischer, fallend, „weiblich“

Exposition (bis 03:00)


Die Wiederholung der Exposition ist vorgeschrieben.

Langsame Einleitung (bis 01:12); Exposition (bis 03:00); Exposition; Durchführung (bis 06:00); Reprise (bis 07:30); Coda.


Anmerkungen I Langsame Einleitung – Exposition

Der erste Witz ist ganz nach Haydns Geschmack.

Beethovens erste Sinfonie beginnt nicht.

Sie schließt.

Der „Schluss“ ist eine „weibliche“ Schlusskadenz (bis 00:06), auf die Sie zum Beispiel „Liebe“ singen könnten.

Hier ein ähnlicher Schluss zum Vergleich: Mozarts fünftes Violinkonzert, zweiter Satz.

Beethoven eröffnet seine erste Sinfonie also mit einem „Auf Wiedersehen!“.

Um die nächste Besonderheit zu verstehen, müssen wir uns den Hauptunterschied zwischen der langsamen Einleitung und der Exposition verdeutlichen.

Dieser Unterschied betrifft das Tempo.

Die Exposition ist viel schneller als die Langsame Einleitung. Zwischen beiden Teilen gibt es einen hörbaren Bruch.

Das hat weder Mozart noch Haydn gestört. Beethoven jedoch gehört der nächsten Generation an, er zeigt sich gleich als ordnender Klassizist. Für ihn stellt der Bruch ein Problem dar.

Die Lösung, die er in der ersten Sinfonie findet, sieht so aus:

Sein erstes Thema entwirft der Komponist als einen Konflikt zwischen einem langsamen und einem schnellen Tempo.  Die Streicher treiben an – die Bläser bremsen.

Das schnelle Tempo setzt sich erst etwas später durch. Man kann schön hören, wie sich nun Bläser und Streicher gegenseitig antreiben.

Wenn das erste Thema eine „These“ ist, dann braucht es einen „Beweis“ – eine rhetorisch gesteigerte, freudige Bestätigung. Diese folgt wie vorgesehen in der Schlussgruppe (siehe dazu auch „Mord in Hollywood„)

Das zweite Thema ist vom ersten abgeleitet und bildet zu diesem den üblichen Gegensatz – eine kleine dramaturgische Atempause auf dem Weg zum „Beweis“.

Hier nun beide Themen und ihre Verwandschaftsbeziehungen:

Auch bei dem Verhältnis erstes und zweites Thema agiert der Komponist klassizistisch, indem er Kontraste zwar zulässt, jedoch sofort wieder abmildert. Kein kapriziöses zweites Thema, das seine Individualität gegen das erste behauptet und sich zu verselbständigen sucht, wie so oft bei Mozart – Beethovens zweites Thema kennt seinen Platz im Formgefüge. Dennoch gehört diesem Thema die musikalisch spannendste Stelle der Exposition: Wenn die Melodie sich zwischen Bass und Oboe aufspaltet, urplötzlich und im dunklen Moll.


Anmerkungen II Durchführung – Reprise

Die Durchführung verarbeitet auf originelle Weise das Hauptthema, indem sie es in einzelne Motive aufspaltet. Gegen Ende wird die Musik revolutionär und agitierend. Dann hält Beethoven kurz das Tempo an  – eine Erinnerung an die Langsamen Einleitung kurz vor der Reprise.

In der Reprise wird der Konflikt zwischen Streichern (schnell) und Bläsern (langsam) nicht mehr ausgefochten, das erste Thema erklingt gleich im vollen Orchester. Die Bläser bauen eine Brücke. Und in den Gliedern dieser „Brücke“ erscheint sie mehrfach wieder,  die „weibliche Schlusskadenz„, mit der der Satz so überraschend begann.


Anmerkungen III Coda

Die Coda bildet das Ziel des Satzes und dessen Auflösung – wie in einem guten Krimi wird uns der Täter ganz zum Schluss präsentiert. Hier nun zeigt sich die Musik endlich offen militaristisch: Es erklingen Revolutionsfanfaren. Sie sind es, die dieser Musik wie eine DNA eingeschrieben wurden. Ihr musikalisches Material ist primitiv. Gerade deshalb konnte es so gut versteckt werden – und in Kunst verwandelt: im ersten und zweiten Thema (Notenbeispiel, Motiv b) sowie in Überleitungsmaterial.


Betrachten wir nun den Beginn dieser Musik und ihrem Schluss: Warum fängt Beethovens Sinfonie mit einer weiblichen Schlussgeste an? Diese ist als Komplimentiergeste eine Figur des Rokoko. Von dieser Epoche „verabschiedet“ sich Beethoven im wahrsten Sinne des Wortes zu Beginn, um zum Schluss eine neue Zeit einzuläuten – mit den Revolutionsfanfaren.


Zweiter Satz: Andante cantabile con moto

Sonatenhauptsatzform.

Erstes Thema: männlich, Fugato (beginnt wie ein kleiner Kanon), marschartig bewegt. In der Reprise als Doppelfugato 

Zweites Thema: fragend. Eher Fortsetzung und Bestärkung des ersten Themas als Kontrast.

Exposition (bis);


Die Wiederholung der Exposition ist vorgeschrieben.

Exposition (bis 09:56); Exposition; Durchführung (bis 12:24); Reprise.


Anmerkungen

„Glotzt nicht so romantisch!“ – fast möchte man Brechts berühmten Spruch abwandeln auf diesen Satz, der revolutionär „con moto“ (mit Bewegung) nach vorne drängt und Sentimentalitäten keinen Platz bietet.

Die Musik wirkt rhetorisch, eher sprechend als singend. Eine Agitationsrede.

Das zeigt sich besonders am zweiten Thema, welches die musikalischen Gedanken des ersten verdichtet und in Frageform präsentiert.

Hier die Exposition, rhetorisch gedeutet:

Thema 1, aktivierende These: „Liebe Leute, wir sollten …“

Thema 2, Nachfrage: „Denn schaut mal: Was hält euch ab, warum zögert ihr noch?“

Schlussgruppe: „So lässt uns also Herren unseres Schicksals werden. Nehmen wir unser Geschick selbst in die Hand! (Königliche Rhythmen in Streichern und Pauke).


Dritter Satz: Menuetto (Allegro molto e vivace)

Menuetto (bis 16:22); Trio (bis 17:28); Menuetto.


Anmerkungen

Dass der Satz „Menuetto“ heißt, klingt wie ein böser Scherz. Mit höfischen Kleidern konnte man in diesem Wahnsinnstempo jedenfalls nicht tanzen. Es ist ein Scherzo über eine Tonleiter, wie wir es bereits bei Haydn finden. Die  kubistische Idee, dass jedes Bild auf einfache geometrische Körper zu reduzieren sei, wurde in der Musik bereits über 100 Jahre früher vorweggenommen. Die Musik um 1800 gefällt sich daran, Meisterwerke auf der Basis von Tonleiter, Tonwiederholung, Seufzer und Akkordbrechung (Fanfaren) etc. zu erbauen.

Tonwiederholung prägt auch das Trio, das auf dem Gegensatz von Streichern und Bläsern beruht. Hier hört man besonders deutlich, dass es Beethoven in seiner Musik um ein Pulsieren ging: um Druck, Impuls, ständiges Vorauseilen, Schlagkraft, die Dialektik sich belauernder und sich jagender Kräfte. Die Linie gibt die Richtung vor, die Farbe hat zu folgen. Jede Bewegung will zum Höhepunkt.


Vierter Satz: Adagio – Allegro molto e vivace

Sonatenhauptsatzform mit Langsamer Einleitung

Erstes Thema: Lustiger Gassenhauer

Zweites Thema: Zweiter lustige Gassenhauer, mit auftaktigen eher weiblichen Figuren. Auf große Themenkontraste zwischen beiden Themen wird verzichtet.

Exposition (bis)


Die vorgeschriebene Wiederholung der Exposition wird in der verwendeten Aufnahme befolgt.

Langsame Einleitung (bis 19:20); Exposition (bis 20:30); Exposition; Durchführung (bis 22:29); Reprise (bis 23:29); Coda.


Anmerkungen

Auch dieser Satz beginnt mit einem Witz. Die kurze Langsame Einleitung in majästetisch punktiertem Rhythmus ist nicht weiter, als eine aufsteigende Tonleiter. Diese wird in die eigentliche Sonatenhauptsatzform aufgenommen und motivisch verarbeitet.

Nach einem lustigen Finale folgt in der Coda neues Material: ein revolutionärer Marsch, der erst langsam erklingt und dann immer lauter wird. Die Musik simuliert ein allmähliches Näherkommen.