Nachdem er sich in seinen ersten drei Sinfonien mit der französischen Revolution beschäftigt hatte, war Beethoven mit dem Thema immer noch nicht durch und begann mit der nächsten revolutionären Sinfonie – es sollte schließlich seine fünfte werden. Beethovens „Eroica“ stieß nämlich auf so viel Unverständnis, dass der Komponist beschloss, es den Hörern mit  seiner nächsten Sinfonie etwas leichter zu machen. Darum erinnert die vierte Sinfonie wieder stärker an die Musik von Mozart und Haydn. Sie ist dann auch unter den Zeitgenossen recht populär geworden – anders als heute, wo das Werk mit der zweiten und der achten Sinfonie ein Schattendasein fristet. An der Qualität der Musik liegt das nicht. Ich persönlich finde diese Musik im Detail stärker als die der berühmten Fünften. Die Vierte war immer schon eine Sinfonie für Kenner: Brahms und Mahler haben sich an dem Werk orientiert – der erste eher strukturell, der zweite deutlich hörbar.


Ludwig van Beethovens 4. Sinfonie in B-Dur Op. 60 entstanden 1806. 

Erster Satz: Adagio – Allegro vivace

Zweiter Satz: Adagio

Dritter Satz: Menuetto – Trio: Allegro vivace – Un poco meno allegro

Vierter Satz: Allegro ma non troppo


Erster Satz: Adagio – Allegro vivace

Sonatenhauptsatzform mit Langsamer Einleitung

Erstes Thema: Laut, fröhlich, männlich, dabei melodisch angelegt, also gesanglich

Zweites Thema: Volkstümlich, pastoral, episodisch

Exposition (bis 5:24)


Der Dirigent meines Hörbeispiels, Toscanini, lässt die vorgeschriebene Wiederholung der Exposition weg.

Langsame Einleitung (bis 3:24); Exposition (bis 5:24); Durchführung (bis 7:34); Reprise (bis 9:20); Coda.


Anmerkungen I

Oft hat Musik einen Höhepunkt. Dieser erste Satz läuft jedoch auf eine Art „Nullpunkt“ zu (bis etwa 6:47): ein Moment in der Durchführung, wenn die gewaltige Energie der Musik ausläuft und der „Motor“ nur noch auf der kleinsten Stufe läuft. So etwas mag man bei Prokofjew vermuten, oder bei einem anderen Komponisten der Moderne. Bei Beethoven erwarten wir Heldentum und Idealismus, aber doch nicht Maschinen!

In der Tat werden wir solchen Stellen öfter begegnen. In der zweiten Sinfonie sprach ich von einer „kaputten Schallplatte“, in der dritten von „Schleife“ und „Strudel“. In der sechsten werden ähnliche Momente eine große Rolle spielen. Besonders gut ist das Phänomen an den Bagatellen Op. 33 zu hören (siehe auch „Beethovens Kräfte“).

Beethoven kannte das Metronom. Vielleicht wurde er davon für seine „Maschinen-Experimente“ inspiriert, genau werden wir das wohl niemals wissen. Wichtiger scheint es mir zu sein: Seine Musik kommt nicht mehr selbstverständlich vom Gesang her, wie etwa die von Mozart. Beethovens Ansatz ist ein anderer. Er entfesselt Kräfte. Und mit diesen „Kräften“ experimentiert er: Mal lässt er sie frei, dann treiben sie seine Musik an – genauer werden wir das an der fünften Sinfonie sehen. Mal lässt er sie sich verfangen, wie ein kleiner Hund, der nach seinem eigenen Schwanz schnappt, oder eben die erwähnte „kaputte Schallplatte“.

In der Durchführung der vierten Sinfonie können wir dieses „Spiel mit Kräften“ gut verfolgen. Hören Sie sich also noch einmal die ganze Durchführung an (bis 7:34) und achten Sie darauf, wie der Komponist der Musik Kräfte abzieht (wie Luft aus einem Ballon) und ihr anschließend neue Kräfte zukommen lässt. Mit diesen treibt er die Musik auf einen Höhepunkt zu: die Reprise.


Anmerkungen II

Die Langsame Einleitung stellt ebenfalls einen „Mystischen Gang“ dar. Ein ritualisiertes „Irren“ im langsamen Schreitrhythmus mündet in die fröhliche Sonatenhauptsatzform.

In der Durchführung erfindet Beethoven ein sehr schönes neues Thema, das einen Kontrapunkt zum ersten Thema bildet – das heißt, es erklingt mit diesem gleichzeitig.

Doch nun schauen wir uns noch einmal den „Nullpunkt“ in der Durchführung an. Von der Musik bleibt nur noch eine Pendelbewegung übrig.

Hier also ist es: das windstille Auge des Orkans.

Und damit haben wir die Lösung des ersten Satzes gefunden: Diese versteckt sich nun nicht mehr in der Coda, wie in den Sinfonien 1-3, sondern mitten in der Durchführung.

Die Lösung heißt: die Terz.

Sie haben ja schon öfter die Quarte kennengelernt: das Tatü-Tata-Motiv. Die Terz ist ein etwas kleineres Intervall: Es gibt sie in zweierlei Versionen, das hier ist die so genannte Kuckucksterz. Mit ihr beginnt das Lied: Kuckuck, Kuckuck, sitzt auf dem Baum…

Die Terz ist gewissermaßen der Keim, oder die DNA des ersten Satzes – sie spielt jedoch auch in der ganzen Sinfonie eine wichtige Rolle.

Hören Sie sich den Beginn der Sinfonie an und achten Sie auf die Streicher: Sie spielen lauter Terzen.

So. Und damit wir gleich weiterkommen, muss ich hier noch einmal kurz die Oktave erklären.

Diese Erklärung ist eigentlich zu stark vereinfacht (und damit nicht ganz richtig), aber für unsere Zwecke reicht sie (und richtig, ich treffe nicht wirklich die Töne).

Schauen wir uns nun das erste Thema an.

Ich habe 17 Töne abgeschrieben. Der erste Ton des ersten Taktes und der erste Ton des zweiten Taktes heißen jeweils „d“. Es ist derselbe Ton, nur oktaviert. Das gleiche gilt für den zweiten Ton des ersten Taktes und den dritten Ton des zweiten Taktes (jeweils „b“). Die ersten acht Töne heißen d, b, f, b, d, f, b, d. Lässt man alle Tonwiederholungen weg (auch in Oktaven) bleiben drei Töne übrig: d, b, f

Die folgende Reihe stellt im Prinzip nichts anderes als das Thema dar. Allerdings sind die ersten acht Töne auf die drei wesentlichen reduziert: d,b,f – nun jedoch in der Reihenfolge f, d, b. Die restlichen Töne sind abgeschrieben, wobei einige Töne (etwa die letzten vier) eine Oktave tiefer stehen. Wenn Sie das Thema und die Reihe miteinander vergleichen wollen, ist es am Einfachsten, wenn Sie von hinten nach vorne schreiten, also b, c, es, f, a etc.

Das zweite Thema beginnt ebenfalls mit Terzen:

Vergleichen Sie es noch einmal dessen ersten vier Töne mit denen der Langsamen Einleitung:

So. Und viele Nebenmelodien, Zwischenspiele, etc. sind auch auf der Terz aufgebaut – es würde den Rahmen sprengen, sie alle hier aufzuführen.

Nur zwei Beispiele:

  1. Hier eine aufsteigende Terzenreihe.
  2. Melodien, die auf der Basis von Terzen aufgebaut sind, hören sich oft sehr volkstümlich an – und eignen sich oft gut für einfache Kanons. Wie etwa im folgenden Beispiel aus der Schlussgruppe.

Zweiter Satz: Adagio

Sonatenhauptsatzform ohne Durchführung.

Erstes Thema: Wunderschöne, klassizistische Melodie (Edle Einfalt, stille Größe). Die edle, gebundene Phrase wird gewürzt mit trockenen, punktierten Begleitmotiven.

Zweites Thema: Eines der schönsten orchestralen Einfälle Beethovens überhaupt. Ganz aus dem Klang der Klarinette heraus empfunden. Das Thema formuliert einen Einwand aus. Anschließend Seufzer.

Exposition (bis 13:27)


Exposition (bis 13:27); Reprise (bis 18:04); Coda.


Anmerkungen

Das erste echte Adagio in Beethovens Sinfonien. Hier entwickelt der Komponist die langsamen Sätze Haydns weiter. Auffällig die Verwendung der Pauken und Trompeten im Adagio.

Die Überleitung ist als Beschleunigung angelegt, aus einem einzigen Grund: damit das zweite Thema die Musik abbremsen kann.

Dieses „Halt an – schaut euch um!“ stellt den Einbruch der Romantik in den klassischen Stil dar. Beethoven hält die Zeit an.

Die Hauptmelodie wird in der Reprise ausgeschmückt. Diese Reprise ist mit Durchführungsteilen angefüllt: etwa diesem Einbruch des ganzen Orchesters. (Man könnte diese Form auch so hören: Exposition-Mittelteil/Durchführung – Reprise, die dann mit der Flöte beginnt.)

Die Coda beginnt, als würde die Musik eine klassizistische Landschaft zeichnen. Auffällig ist die plötzliche Beschleunigung, sowie das Paukensolo, das nicht etwa irgendetwas verstärkt, sondern selbst motivisch auftritt.


Dritter Satz: Menuetto – Trio: Allegro vivace – Un poco meno allegro

Menuett (eigentlich Scherzo bei dem Tempo); Trio; Menuett; Trio; Menuett.


Anmerkungen

Um dem dritten Satz sinfonisches Gewicht zu verleihen, setzt Beethoven bei dem Trio an. Zuerst verlängert Beethoven den Satz, indem er das Trio zweimal wiederholen lässt: Aus ABA wird also ABABA.

Das Menuett in 3/4 Takt spielt mit Hemiolen. Man müsste seinen Beginn so zählen: Und eins-zwei, eins-zwei, eins-zwei, eins-zwei-drei, eins-zwei-drei….

Dann jedoch ist die Gestaltung des Trios besonders. Üblicherweise ist das Trio luftiger instrumentiert als das Menuett/Scherzo.  Das scheint auch nun so zu sein. Allerdings gewinnt dieser Teil sehr schnell an Gewicht, indem Beethoven die Streicherbässe belebt. Das hier ist kein Satz zum kurz mal Luft holen….

Ganz am Schluss eine Überraschung: Die Hörner beginnen – und werden sogleich abgewürgt.


Vierter Satz: Allegro ma non troppo

Sonatenhauptsatzform

Erstes Thema: lustig, flüchtig, perpetuum mobile

Zweites Thema: Während das erste Thema nur aus Motiv- und Themenpartikeln besteht, haben wir nun ein schönes, greifbares, melodisches zweites Thema, dem Beethoven sogar recht viel Platz einräumt.

Exposition (bis 25:20)


Die vorgeschriebene Wiederholung der Exposition befolgt Toscanini.

Exposition (bis 25:20); Exposition; Durchführung (bis 28:01); Reprise (bis 29:24); Coda.


Anmerkungen

Sehr witziges Finale, eine Hommage an Haydn. Dort finden wir diese perpetuum mobile-Musik zum ersten Mal  (siehe „Lerchenquartett“, vierter Satz).

Das erste Thema ist so flüchtig, dass Beethoven ihm eine Art Thema 1b an die Seite stellt, welches fassbarer ist. Dieses Thema 1b spielt dann in der Durchführung eine wichtige Rolle.

Achten Sie darauf, wie Beethoven die Melodie des zweiten Themas von Bässen spielen lässt.

Am Höhepunkt der Durchführung taucht eine Terzenkette auf, von oben nach unten. Anschließend hören wir recht dramatische Akkorde, die immer wieder vorkommen – diese Akkorde bestehen aus diesen fallenden Terzen, die jedoch nun gleichzeitig gespielt werden.

Die Reprise beginnt mit einem Witz: Das Hauptthema wird, ziemlich unüblich, von einem Solofagott gespielt, bevor das Orchester es übernimmt.


Schlussanmerkungen

Auch wenn die vierte Sinfonie beim großen Publikum etwas unbekannter geblieben ist, hat sie die Komponisten doch fasziniert. Von Brahms´ vierter Sinfonie habe ich schon gesprochen. Deren erstes Thema (erster Satz) beruht ebenfalls auf einer fallenden Terzenkette. Und auch dass Beethoven zu seinem ersten Thema ein neues im Kontrapunkt erfindet, finden wir in Brahms´ Satz wieder – allerdings versteckter: Sie hören eine schöne Klarinettenmelodie. Gleichzeitig (also im Kontrapunkt) spielen die Flöten ganz kurz die Töne des ersten Themas dieser Sinfonie.

Vergleichen Sie den Beginn der vierten Sinfonie von Beethoven, mit dem von Mahlers erster.

Selbst die fallenden Terzen sind da.

Es sind bei Mahler bloß keine fallende Terzen, sondern fallende Quarten. Auch die Kuckuck kuckuckt bei Mahler in Quarten.