Wer den Schluss dieses Konzertes je live gehört hat, wird ihn kaum vergessen können. Der britische Spätromantiker Edward Elgar beendet sein Violinkonzert mit einer unendlich schönen, poetischen Solokadenz, die aber eben nicht „Solo“ ist, sondern vom Orchester begleitet – wie eine „Windharfe“, so der Komponist. Man kann die Raffinessen der „Windharfe“-Instrumentation gar nicht auf CD bannen. Elgars genialer Einfall krönt ein riesiges Violinkonzert, eigentlich eine ausgewachsene Sinfonie mit Sologeige. Ein Werk des Abschieds. Sehr persönliche Musik, in die ihr Schöpfer wohl biographische Bezüge eingearbeitet hat.  Ein „Lebewohl“, vielleicht an einen geliebten Menschen, auf jeden Fall an ein geliebtes vergangenes Jahrhundert. Das Konzert wurde im Bewusstsein komponiert, „letztes“ romantisches Violinkonzert zu sein, Schlussstein einer Epoche, die für Elgar mit Beethoven beginnt und bei Brahms ihren Höhepunkt findet. Deshalb die zahlreichen Anspielungen an beide Komponisten im Werk. Die Musik ist wie eine zu reife Frucht: romantisch, schwer, überkomplex, zähflüssig, dunkelfarbig, lang, pathetisch, die Verkörperung des „Altmodischen“ schlechthin. Von den vergangenen Zeiten vereint das Werk in sich das Beste, so dass es wie ein ererbtes, mit Liebe gepflegtes Möbelstück immer noch eine Zierde für so manches Zimmer ist.

Ein Tipp: Das Werk ist nicht ganz einfach zu hören. Beginnen Sie vielleicht mit dem zweiten Satz.


Edward Elgar, Violinkonzert h-Moll Op. 61  Uraufführung 1910

Erster Satz: Allegro

Zweiter Satz: Andante

Dritter Satz: Allegro Molto 


Erster Satz: Allegro

Sonatenhauptsatzform mit doppelter Exposition (Orchesterexposition und Solo-Exposition)

Erstes Thema: Typisch „deutsches“ Thema in Beethoven-Nachfolge: knapp, übersichtlich, gut zu verarbeiten, streng, männlich, melancholisch. Eher ein Motiv, als ein Thema. Könnte ein Fugenthema sein.

Nebenthema: Es gibt einige Nebenthemen in diesem Satz, dieses ist das wichtigste – übrigens nicht nur für diesen Satz.

Zweites Thema: Liedhaft, wieder sehr kurz, eher ein, zwei Motive als ein fertiges „Thema“. Leicht zu merken, wie der Beginn eines Schlagers.

Exposition 1 + 2 (bis 9:15)


Doppelte Exposition wie bei Beethoven und Brahms. Das erste Mal spielt nur das Orchester („Orchesterexposition“), das zweite Mal Solist und Orchester zusammen („Soloexposition“).

Orchesterexposition (bis 03:03), Soloexposition (bis 09:15), „Durchführung-Insel“ (bis 10:34) Reprise.


Anmerkungen I

Hören wir in den ersten Einsatz des Solisten hinein. Er beginnt mit einer Schlusskadenz.

Mit anderen Worten: Er beginnt überhaupt nicht. Er beendet: erschöpft, ausgezerrt, vom Schicksal beschwert.

Das ist Programm: Schon am Anfang ist der Solist am Ende. Er schaut zurück: melancholisch, resignierend – abschließend.

Eine sehr merkwürdige, vielsagende Art, den Solisten die Bühne betreten zu lassen.

Doch nun hören Sie ein wenig hinein in die Musik. Sie ist nicht ganz einfach, die einzelnen Motive verlieren sich in dieser manchmal etwas dickflüssigen Klang-Lava, deshalb: Hören Sie zuerst Exposition 1 und Exposition 2 zusammen und versuchen konsequent das erste Thema, das zweite Thema und das Nebenthema herauszuhören.


Anmerkungen II

Der Einstieg des Solisten, der bereits ein „Ende“ ist, zeigt woran wir sind bei dieser Musik. Das bestätigt sich, wenn wir uns kurz den Formaufbau anschauen: Exposition 1, Exposition 2, eine ganz, ganz kurze Durchführung („Insel“) und dann Reprise (also „Wiederkehr der Exposition“). Zusammengefassst Exposition 1, Exposition 2, Exposition 3: Irgendwie erzählt Elgar ständig dasselbe. Er insistiert und intensiviert, das heißt aber auch: Eine echte Entwicklung findet nicht statt. Entwicklung, das hieße ja: nach vorne. Hier aber gibt es nur ein „Zurück“, „Damals“, „Gestern“.

Eine solche Diagnose ist kein Werturteil. Elgar hat die riesige Form wunderbar im Griff, statt einer „Durchführung“ gibt es „Durchführungsinseln“. Die erste, auffälligste gehört dem Orchester allein und befindet sich zwischen Soloexposition und Reprise. Das ist sogar eine echte Durchführung mit Kämpfen und Zuspitzungen – nur, dass die Geige hier schweigt. An Kämpfen nimmt das Ich nicht mehr Teil.

Dafür träumt die Geige. Einige Durchführungsteile sind kleine „Erinnerungs-Trauminseln“, in denen die Zeit stehenbleibt. Etwa hier: Orchester träumt vom zweiten Thema (bis etwa 11:54) Direkt darauf folgt die nächste „Trauminsel„: Hier spielt die Geige das Nebenthema wie in Zeitlupe.

So eine Trauminsel ist auch das zweite Thema. Dieses schlichte, liedhafte Motiv könnte leicht billig klingen. Dass es stattdessen geradezu kostbar wirkt, liegt an der Dramaturgie. Elgar lässt diesen Schlager immer nur kurz aufgreifen, wie ein Zitat: Als würde sich der Geiger an ein vergangenes Lied erinnern – und an alles schöne und traurige, das mit diesem Lied zusammenhing.


Zweiter Satz: Andante

Reihenform: A-B-A-B-A (Coda).

Hauptthema A: Hübsches, naives Lied. Sehr bewusst auch als „Volkslied“ angelegt. Es geht zurück auf den langsamen Satz aus Brahms´ dritter Sinfonie, die Elgar sehr beinflußte. Brahms verwendete dort Material, das er  einst für eine „Faust-Vertonung“ eingeplant hatte. Die Themen im langsamen Satz standen für „Gretchen“. Das trifft sich vielleicht mit Elgars Intentionen.

Hauptthema im B-Teil: Inmitten des B-Teils. Stolz, edel, männlich. Eines von den „britisch-royalen“ Themen, für die Elgar berühmt geworden ist.

A-Teil (bis 19:31)

B-Teil (bis 24:05)


Anmerkungen I

Dieser Satz ist das Herz des Konzertes. Um es zu verstehen, müssen wir noch genauer A-Teil und B-Teil voneinander unterscheiden.

Der A-Teil ist als „Lied“ angelegt. Die melodischen Phrasen runden sich ab. Würde man zu der Musik einen Text singen, würde sich dieser reimen.

Der B-Teil ist ein „Rezitativ“: also orchestraler Sprechgesang. Kein naiver Reim, sondern erhabene Prosa. Ein „Ich“ spricht.

Es stehen sich also gegenüber: kleines Lied (A) und großer Monolog (B).

Dieser B-Teil, dieser Monolog, ist als Auseinandersetzung mit dem Schicksal angelegt. In dessen Zentrum thront das „edle Thema“. Bis hierhin muss sich die Musik erst durchkämpfen. Sie muss sich durchwühlen, um endlich zu sich selbst zu finden: um stolz und „britisch“ zu werden.

Und nun nach diesen „Bäumen“ (Einzelheiten) folgt der „Wald“ (die Idee):

Auch hier geht es um Erinnerungen. Es ist üblich, dass die Sologeige die einzige echte Melodie des Satzes (das „Lied“) vorstellt. Doch dieses „Lied“ gehört dem Solisten nicht mehr. Wenn das Orchester es spielt, steht der Geiger daneben, kommentiert die Melodie oder „singt mit“. Aber er stellt die Melodie nicht vor, es ist nicht seine Melodie. Sie ist nicht mehr ein Teil von ihm. Vielleicht war sie das früher einmal. Zu dieser Erinnerung kehrt das „Ich“ immer wieder zurück, sie scheint ihn aufzuwühlen.

Hören Sie den Satz einmal durch und versuchen Sie die einzelnen Teile A und B auseinanderzuhalten. Achtung: Im ersten „Teil B“ setzt zwischendurch kurz das „Lied“ ein, wird dann aber schnell unterbrochen. 


Anmerkungen II

Ist das „Lied“ (A-Teil) bewusst schlicht gehalten, so ist der „Monolog“ (B-Teil) eine ausgesprochen reiche, komplexe Musik.

Wenn Sie den Satz schon ein wenig kennen, lohnt es sich genauer hinzuhören: und sich einige zusätzliche Motive einzuprägen.

Eigentlich beginnt der erste „B-Teil“ erst hier.

Zwischen den Teilen A und B gibt es kleine Überleitungsteile. Sie klingen oft geradezu religiös, etwa wie die „Flügelteile“ in Tschaikowskis Streicherserenade (gedämpfte Streicher, dritter Satz). Dieses „religiöse Überleitungsmotiv“, kann auch mal sehr nobel auftreten und ist eine Variante des Hauptmotivs aus dem ersten Satz.

Zwei ebenfalls noble Motive sollten Sie sich merken: diese „edle Geigen-Phrase“, und diese aufwendige Orchester-Verzierung.

Wir wissen nicht, was in dieser Musik genau verhandelt wird. Aber es gibt auffallende Symbolismen: etwa der dreimalige leise „Glockenruf“, gegen Ende des ersten B-Teils. Er wird allerdings nicht von der Glocke gespielt, sondern vom Horn. Kurz davor wird das Hauptthema des ersten Satzes geradezu herausgeschrien – in der Umkehrung (es steht auf dem Kopf).

Hauptthema 1. Satz

Umkehrung (es geht um die ersten 4 Töne)

etwas angepasst sieht das Ganze dann so aus (der Rhythmus bleibt und macht das Ganze überhaupt erst erkennbar):

 


Dritter Satz: Allegro Molto 

Freie Form: zusammengesetzt aud Scherzo-, Sonatenhauptsatz- und Rondoform.

Erstes Thema a): Virtuose Scherzo-Musik. „Gewusel“.

Erstes Thema b): „Royaler Marsch“

Zweites Thema: lyrischer, aber immer noch „männlich“, nach vorne strebend. Verwandt mit Nebenthema aus dem ersten Satz.


Anmerkungen

Ist der zweite Satz das Herz des Konzertes, so bringt dieser dritte dessen Lösung – allerdings nach gewaltigen Kämpfen, in die auch die Form des Satzes involviert ist, weshalb ich auf eine genaue Formanalyse verzichte, um es Ihnen und mir einfacher zu machen.

Wenn Sie ein wenig Zeit haben, hören Sie sich den dritten Satz aus Tschaikowskis sechster Sinfonie an. Hier finden Sie die Idee „Geburt eines Marsches aus Gewusel“, die Elgar für sein Konzertfinale übernimmt.

Neben den oben beschriebenen Themen, gibt es noch ein paar andere. Unter anderem dieses leidende Orchesterthema, das wie Laokoon mit Schlangen kämpft.

Die letzten Töne des Konzertes (Blechbläser) sind das Hauptthema des ersten Satzes in Dur.

Dieses Hauptthema erklingt auch in der Umkehrung (auf dem Kopf stehend) und prägt überhaupt viele thematische Gestalten des Satzes.

Hier auch noch das Überleitungsthema aus dem zweiten Satz in dieser neuen Metamorphose. Übrigens: Verzweifeln Sie nicht an diesen Komplexitäten! Sie sind typisch für diese Zeit, Sie müssen das nicht auch alles selbstständig hören können…

Denn das ist sowieso alles Nebensache.

Die Hauptsache, ja, die eigentliche Sensation dieses Violinkonzertes, gibt es kurz vor Schluss. Es ist die Solokadenz.

Der Witz ist: Sie ist eben keine „Solo“-Kadenz. Das Orchester spielt mit. Die Streicher behandelt der Komponist dabei so, dass sie wie eine Windharfe klingen sollen. Und in diese „Windharfe“ verfangen sich Erinnerungen – an den ersten Satz. „Erinnerungen“ ist gewissermaßen das Motto des ganzen Konzertes. Mit dieser Windharfen-Kadenz gibt der Komponist diesem Motto eine unvergessliche Gestalt. Versuchen Sie ein paar Themen aus dem ersten Satz herauszuhören, das Hauptthema, das Nebenthema  (in Zeitlupe) oder das zweite Thema. Selbst die drei Glockentöne (Horn) kann man erahnen.