Mozart entstammt einer Kultur, in der eine Wolke, die die Sonne verdeckte, zum Problem werden konnte. Wobei: Wolke vor Sonne ist ein Problem! Das Herz, weiß das Rokoko, ruht nicht, nur weil gerade kein Krieg herrscht, man genug zu essen hat und zum nächsten Ball eingeladen wurde. Schon letzteres kann schwierig werden, denn: Wird er wieder in der Ecke stehen und nichts sagen? Trinkt sie und redet? An sowas scheitern Ehen, nicht an Seitensprüngen, die verhandelt werden können. Wir schulen uns in Selbstachtung, deshalb bekümmern uns Fragen der Form. Wer hungert, schaut nicht auf den Brotbelag, doch wer satt ist, der will Qualität. Es sei denn, der Hungernde führt eine ästhetische Existenz, dann bestellt er französische Pasteten und spart an Winterkohle. Zahlt viel für die Jeans und reißt Löcher ein. Und jawohl, Ihr Menschen über 60, das ist nämlich schön und kein Weltuntergang! Riss ist nicht gleich Riss, weiß der Reißende und nimmt Augenmaß. Auch Mozart wird die Luft zwischen seinen Lippen erst wiegen, bevor er zum Kuss ansetzt. Kleine Kunst gibt sich gern groß und edel. Das gilt auch umgekehrt.

 

Die folgende Beschreibung geht von Inhalten aus, die Text „Tauchen im Ententeich. Musik des 18. Jh. hören 2″ erläutert wurden. Man müsste aber auch so mit ihm klar kommen können.


Wolfgang Amadeus Mozart, Sonate Nr. 2 in F-Dur KV 280 (189e), komponiert um 1775

Mozart war 18 Jahre alt. 

Erster Satz: Allegro assai

Zweiter Satz: Adagio

Dritter Satz: Presto


Erster Satz: Allegro assai

Sonatenhauptsatzform.

Hauptsatz:

Erstes Thema: Beginnt gravitätisch als Menuett, um dann sofort loszustürmen.

Seitensatz:

Zweites Thema: Schwer gegen leicht, langsam gegen schnell, tief gegen hoch, linke Hand gegen rechte Hand

Exposition (bis 1:14)


Für beide Teile (Exposition / Durchführung+Reprise) ist eine Wiederholung vorgeschrieben – alte Tradition. In der Aufnahme wird nur die Exposition wiederholt.

Exposition (bis 1:14); Exposition; Durchführung (bis 2:57); Reprise.


Anmerkungen I

Ein kleines Meisterwerk des Rokoko. „Rokoko“, das ist: Bezirzen, Prickeln, Witzeln, Ablenken, Sich-nicht-Festlegen, Rausch, Tempo, Mode, Ornamente, Überraschungen, kleine, scharfe Explosionen, Aufschäumen, überhaupt: Schaum.

Der erste Witz ist: Die Verwandlung einer männlich gravitätischen „Geste“ (Menuett) in weibliche „Figuren“ (Seufzer)

und schließlich in „Schaum“ (zwei Sekunden)

Also eine fortschreitende Auflösung: aber schnell, als hätte jemand eine Kugel abgeschossen.

Diese Stelle ist zentral für Mozarts Stil: Impulse wechseln sekundlich, schwer gegen leicht, stampfend gegen fliegend.

Der zweite Witz ist: strenge Systematik, die sofort wieder unterlaufen wird.

Mozarts Spiel mit der Wahrnehmung ist auch ein Spiel mit der Mathematik. Wer den Schaum gestalten will, muss ihn erst zu fassen kriegen und das bedeutet: berechnen.

Der Parameter, der hier systematisch organisiert wird, ist der Rhythmus, genauer gesagt: die Beschleunigung.

Schauen wir uns diese Rhythmustafel an und wie Mozart sie in seine Komposition einarbeitet. Der Witz ist, dass die vier Rhythmusreihen in der Folge 1, 2, 4, 3 verwendet werden – die beiden letzten Reihen sind vertauscht. 

Hier an konkreten musikalischen Beispielen: 

Reihe 1

Reihe 2

Reihe 4

Reihe 3

Noch einmal: Der Witz ist die „nachgefügte“ Reihe 3. Eine kleine scheinbare Verwechslung, die zeigt: Da ist ein systematischer Geist am Werk, der sich als solcher jedoch nicht prompt, und dann auch nur den Kennern offenbart. Gleichzeitig wird durch den Austausch ersichtlich, dass sich in der simplen Beschleunigungstabelle zwei Ordnungen überlagern: eine lineare und eine exponentielle  (wenn meine Schulmathematik noch stimmt).

Die exponentielle Beschleunigung betrifft die Reihen 1 – 2 – 4 (also ohne die „nachgelieferte“ Reihe 3): Vierteln, Achteln, Sechzehnteln. Die Notenwerte verdoppeln sich: eine Viertel, zwei Achteln, vier Sechzehnteln. Die Beschleunigung verläuft explosionsartig – wie hier zu Beginn:

(reduzierte Abschrift, die die exponentielle Beschleunigung gut aufzeigt)

Anschließend fügt Mozart, wie um einen Fehler zu korrigieren, die „verlorene“ Reihe 3 hinzu:

Die lineare Beschleunigung betrifft die Reihen 1-2-3-4: Vierteln, Achteln, Achtel-Triolen, Sechzehnteln. Hier haben wir eher eine allmähliche Beschleunigung um den Faktor +1: eine Viertel, zwei Achteln, drei Achtel-Triolen, vier Sechzehntel.

Das ganze ist ein Spiel mit zwei Bewegungen: einer explodierenden (exponentiellen) und einer allmählichen (linearen). Durch die „Verwechslung“ der Reihen 3 und 4 wirkt es zusätzlich, als wäre die „natürliche Zeitachse“ selbst aus dem Tritt geraten.  (SF-Film bei Mozart! Gleich landen Aliens…) Das kommt übrigens oft vor bei Mozart, dass er zugleich sehr einfach, kosmisch geordnet und sehr bizarr ist.

Die „schwere“ Reihe 1 erklingt immer nur ganz kurz, wie eine besondere Zutat. Auch Reihe 2 kommt kaum vor. Es geht um Schaum, um Explosion: also um die schnellen ornamentalen Reihen 3 und 4. Über 100 Jahre später schäumt es ganz ähnlich.


Anmerkungen II

So. Frei nach dem Motto „Er sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr“ fragen wir uns nun:

Wir kennen jetzt die „Bäume“ (Reihe 1-4). Was aber ist der „Wald“?

Der „Wald“, also die übergeordnete Idee, lautet: In dieser Sonate geht es nicht um „Motive“ oder gar um „Themen“ oder „Melodien“. Es geht um die Bewegung an sich, nicht um das, was bewegt wird. Ein launisches Spiel mit der „Luft“: mit „schwer“ und „leicht“, „plump“ und „spritzig“ ; deshalb rede ich auch vom „Schäumen„, „Prickeln“, „Explodieren“. Und wie dann Luft plötzlich Atem wird und seufzt

Denn das ist hier nicht nur ein Spiel mit der Mathematik, sondern auch mit Psychologie und Erotik: Abstände zwischen „nicht“ und „vielleicht“ werden abgemessen.

Rokoko feiert das Nichts. Ein charmantes Nichts. Ein Loslachen, ein Baiser: Luft-Kuchen und flüchtiger Kuss. Alle diese charmante „Nichtse“ werden nun genau erforscht und nachgeformt: im System einer Klaviersonate.


Anmerkungen III

Mozart baut Klötzchen, die er immer wieder neu kombiniert. Der Seitensatz lässt die schnellste und die langsamste Bewegung („Menuett“-Reihe 1 und  „Schaum“-Reihe 4) aufeinander treffen. Um diese kleine Sensation zu betonen, wird der Kontrast noch geschärft: schwer – leicht, tief – hoch, linke Hand – rechte Hand, etc.

Schauen wir uns nun noch dieses „erste“ und das „zweite“ Thema an und ziehen einen Vergleich: Das erste Thema stellt eine Tempo-Entwicklung dar (exponenzielle Beschleunigung). Das zweite Thema arbeitet mit einem Tempo-Kontrast: langsam-schnell. „Entwicklung“ contra „Kontrast“. Auf diese Weise setzt Mozart oft seine Themen voneinander ab. Sein Ansatz ist immer gleichzeitig psychologisch hinschauend und systematisch abstrakt.

In der Durchführung kommt als Überraschung eine neue rhythmische Figur hinzu. Sie stammt aus der gravitätischen Welt des Menuetts. Und ganz ganz kurz am Ende der Durchführung befällt unser kleines, inzwischen leicht unwirsches Nichts ein Anflug von Melancholie (Seufzer)…

Diese „unwirsche“ Stelle mit den Seufzern am Ende der Durchführung ist das geheime innere Zentrum des Satzes. Längst hat sich ein abstraktes Spiel mit Bewegung und Luft in einen lebenden traurigen Menschen verwandelt…


Zweiter Satz: Adagio

Sonatenhauptsatzform in Moll.

Erstes Thema: Ein trauriges Siziliano in Moll. Mit schmerzenden Dissonanzen.

Zweites Thema: Die Antwort. Trost. Hoffnung als innere Bewegung. Tatsächlich fließt das zweite Thema, während das erste Thema auf der Stelle bleibt (in seinem Schmerz).

Exposition (bis 6:14)


Exposition wird wie vorgeschrieben wiederholt.

Exposition (bis 6:16); Exposition; Durchführung (bis 9:13); Reprise.


Anmerkungen

Exposition: Haupt- und Seitensatz stehen sich direkt gegenüber, ohne Überleitung (b).

Der Satz ist rhetorisch gestaltet. Eine traurige Schäfer-Idylle; ein Miniaturdrama als innerer Dialog. Der Seitensatz (c) ist die direkte Antwort auf den Hauptsatz (a), deshalb wird keine Überleitung benötigt. Der Hauptsatz spricht vom Leid, der Seitensatz spendet Trost.

In dem kleinen Epilog wird das kurze punktierte Kopfmotiv aus dem Hauptthema ins Dur übernommen. Das Ich scheint versöhnt zu sein.

Die Durchführung stellt Fragen.

Nach einer Scheinreprise in der falschen Tonart beginnt die Reprise.

Und nun steht das zweite Thema ebenfalls in Moll. Kein Trost wie zu Beginn, sondern Resignation. Vergleichen Sie das zweite Thema in der Exposition (Trost) und in der Reprise (Resignation).

Dieser Satz (wie überhaupt das Rokoko) nimmt die Romantik vorweg, weil diese Trauer eine private ist. Die Musik wendet sich nicht an ein großes Publikum, sondern nur an ein paar Freunde – wenn überhaupt.


Dritter Satz: Presto

Sonatenhauptsatzform. Mozart gestaltet sein Material so, dass die Form unserer standardisierten Sonatenhauptsatzform nahe kommt. Genauer gesagt: Die standardisierte Sonatenhauptsatzform hat sich solche Sätze zum Vorbild genommen.

Erstes Thema: Ein süßes Nichts aus Luft und Tempo.

Zweites Thema: Etwas insistierender als das erste Thema, bittend, aber immer noch leicht und gut gelaunt.

Exposition (bis 12:05)


Je zwei Wiederholungen der Exposition und Durchführung+Reprise sind vorgeschrieben. Die Aufnahme wiederholt nur die Exposition.

Exposition (bis 12:05) Exposition; Durchführung (bis 13:09); Reprise.


Anmerkungen

Schauen wir uns die Taktangaben der einzelnen Sätze an: erster Satz 3/4, zweiter Satz 6/8, dritter Satz 3/8. Die Idee scheint zu sein: eine allmähliche Verflüchtigung der Musik. Das Nichts wird noch nichtiger.

Die Hauptzutaten des Satzes: (hohes) Tempo und (leichtes) Gewicht. Der Rokoko-Stil ist ein leichter, schneller Stil, ein Komödien-Stil – bei Mozart mit Seria-Elementen (zweiter Satz) vermischt. Das klassische Denken in tonalen Ebenen (siehe „Musik des 18. Jh hören. 2“) ermöglicht diese rasenden Geschwindigkeiten (der ständig modulierende barocke Stil ist gewichtiger, langsamer: zu viele Informationen auf einmal).

Dieser Stil feiert das Leichte, indem er es mit dem Schwerem spielend kontrastiert.

Der letzte Takt der Sonate schlägt eine Brücke zum ersten. Diese „Schläge“ haben ihr Herkommen aus dem Tanz. Der königliche Ballettmeister schlägt mit seinem großen Stab auf den Boden, um zu eröffnen oder zu beschließen. Debussy wird solche rituellen Schläge (hier zwei und recht spitz) in seiner „glücklichen Insel“ aufgreifen und so eine ähnliche Brücke bauen.