Ein buntes, verrücktes Werk, bilderreich, gleichzeitig, nach Meinung des Komponisten jedenfalls, ein „klassisches“ Werk. Dafür steht schon die Tonart C-Dur, aber auch die Ausgewogenheit zwischen Klavier und Orchester. Das Werk eignet sich hervorragend zum Kennenlernen von Prokofjews Stil. Er selbst spricht von vier „Linien“: der klassischen, der modernen, der lyrischen und der motorischen. In den Zwanzigern kam noch eine märchenhaft-symbolistische Linie dazu, die auf slawischen Teufelsmärchen fußte. Diese wilde Mischung schätze ich an diesem Komponisten sehr. Er hatte einen ursprünglichen Zugang zu seiner Kreativität, deshalb verschmelzen bei ihm so viele Bilder zu einem surrealem Ganzen. Diese Musik macht großen Spaß.


Sergei Prokofjew, Klavierkonzert Nr. 3 in C-dur. 1921 uraufgeführt. 

Erster Satz: Andante Allegro

Zweiter Satz: Tema con variazioni, Andantino

Dritter Satz: Allegro ma non troppo


Erster Satz: Andante Allegro

Freie Sonatenhauptsatzform mit langsamer Einleitung.

Die Langsame Einleitung besteht ebenfalls aus einem Thema, das man sich merken sollte: eine sehr schöne, lyrische Klarinettenmelodie.

Erstes Thema: Mit diesem schnellen, toccatenartigen Thema gibt das Klavier seinen ersten Einsatz. In der Orchesterwiederholung merkt man: Es besteht hauptsächlich aus Rufen; ich muss ein wenig an ein Urwald denken mit merkwürdigen Vögeln.

Zweites Thema: eine kleine Gavotte, ironisch verzickt. Großstadtmusik, am Bürgersteig flanierend


Man kann die Form verschieden beschreiben. Ich entscheide mich für Exposition plus Reprise, ohne echte Durchführung. Allerdings wird vor der Reprise auch die Langsame Einleitung wiederholt.

Langsame Einleitung (bis 0:39); Exposition (bis 3:56); Langsame Einleitung (bis 5:48); Reprise (bis 8:29); Coda.


Anmerkungen

Prokofjew hat mal geschrieben, dass sein Stil aus vier „Linien“ besteht: der „klassischen“, der „modernen“, der „motorischen“ und der „lyrischen“. Das dient als gute Richtschnur bei diesem Komponisten, der bei aller Kreativität (und die war in diesem Fall enorm) die Musik wie ein Ingenieur betrieb. Er montierte Teile aneinander (eben klassische, moderne, motorische, lyrische) und orientierte sich dabei an der Sonatenhauptsatzform, die er fast wie einen Steckkasten benutzte.

Betrachten wir den ersten Satz unter dem Gesichtspunkt der „Linien“:

Betont „lyrisch“ ist die Melodie der langsamen Einleitung.

„Klassisch“ ist die Gavotte (zweites Thema), aber auch die „Mannheimer Walze“, mit der die Exposition beginnt, und die vor allem in der Coda ausgeweitet wird. Damit karikiert der Komponist die allmähliche Steigung in der Musik der Wiener Klassik, wie etwa hier in Beethovens vierter Sinfonie.

Der „moderne“ Stil wird wie ein scharfes Gewürz verwendet, das jedoch die musikalische Ordnung nur selten in Frage stellt. Man hört ihn zum Beispiel während der Überleitung  zwischen dem ersten und zweitem Thema. Das alles ist von einer gewissen Naivität, die Prokofjew auszeichnete. „Modern“ ist eigentlich weniger eine stilistische Haltung, als ein inneres Bestreben Grenzen zu überwinden, um neue Welten zu entdecken. Prokofjew hingegen verhält sich immer ein wenig oberflächlich – wie jemand, der den Modernisten spielt, ohne es wirklich zu sein, nach dem Motto: „Und jetzt erschrecken wir die Kleinbürger“. Nur sind seine Ergebnisse oft so witzig und kreativ, dass man ihm das gern lächelnd verzeiht.

„Motorisch“ ist das Meiste an dem Klavierstil in diesem Satz, etwa auch die schon erwähnte „Mannheimer Rakete“. Aber auch der Klaviersatz in der Schlussgruppe (die Orchestereinwürfe erinnern hingegen eher an Naturmusik, etwa an Wind und Meer, etc.).

Ich habe hier ein paar Bilder gestreut, die sich zu widersprechen scheinen: So sprach ich vom „Urwald“ (beim ersten Thema), „Wind und Meer“, aber auch von einer „Gavotte“ und „am Bürgersteig flanierend“, dazu die Modernismen und die Motorik – wie bringt man das alles zusammen?

Prokofjews Klavierkonzert hat in der Tendenz leicht französische Züge – schon allein darin, dass es ein Großstadtkonzert ist, wie das in G-Dur von Ravel. Großstädtisch ist die Menge an Eindrücken, die den Hörer überfallen, dazu die musikalische Montage der Teile (anstatt feiner Überleitungen, die „natürlich“ wirken). In der französischen Tradition ist die Großstadt mit ihren Verlockungen und Gefahren ein Urwald ganz eigener Art. Die Hotelbar oder das Boulevard übernehmen die Rolle des Fürstenhofes,wo man flirtet und sich präsentiert. So kann also der Schreittanz „Gavotte“ hier für das Flanieren stehen – etwa an Schaufenstern entlang.

Kurz vor der Reprise taucht noch einmal die Langsame Einleitung auf – als Ziel und Höhepunkt der musikalischen Entwicklung. Diesmal wird sie länger entwickelt, das Klavier beteiligt sich nun an dieser Musik (anders als beim ersten Mal), es erklingen kleine Kanons. Die Grundstimmung dieser Musik ist erotisch, dekadent: Treibhausmusik.

In der Reprise wird die Musik der Exposition geschärft: Hören Sie etwa das zweite Thema, die Gavotte. Das klingt nach Hexen. Die „Rufe“ aus dem ersten Thema wirken orientalisch (bis 7:49).

Vor allem taucht ein ganz neues, bizarres Thema auf – ich nenne es das  „Teufelchenthema“,  weil der Teufel, der in der russischen Volkskunst seine großen Auftritte feiert, um diese Zeit auch in Prokofiews Musik recht viel herumspukt (siehe auch unter „erotische Musik“, da Prokofjews Violinkonzert Nr. 1).

Ja, das waren die wilden zwanziger Jahre. Ein Tanz auf dem Vulkan! Das Teufelchenthema steckte übrigens schon in den anderen Themen drin, bzw.: Es ist mit ihnen verwandt.


Zweiter Satz: Tema con variazioni, Andantino

Thema mit 5 Variationen und Thema/Reprise.

Thema: Eine Gavotte, ähnlich dem zweiten Thema im ersten Satz, nur langsamer, pantoffliger. Mich erinnert die Musik an eine Haydn-Parodie. Hören Sie zum Vergleich das Thema des langsamen Satzes aus Haydns Sinfonie Nr. 91.


Anmerkungen  

Das „Thema mit Variationen“ sollten Sie hier nicht zu streng nehmen. Prokofjew schreibt zwar Variation 1, 2 etc. doch im streng klassischen Sinne wird das Thema kaum wirklich variiert. Dieser Satz ist ein musikalischer Quilt – es werden also Teile wild aneinander montiert.

Der Satz ist bunt, schockierend, schrill – es wird weiterhin auf dem Vulkan getanzt. Die Dramaturgie auf den Punkt gebracht: Spießbürger (Thema) gegen Mob (Fanfaren). Und märchenhaft wird es dann auch noch.

Gleichzeitig scheint es mir, dass die Idee des Teufels eine größere Rolle spielt.  Es ist ein Teufel, der in Masken auftritt. Bald wird Prokofjew die Oper „Der feurige Engel“ schreiben.

Thema: Eine Gavotte, ähnlich dem zweiten Thema im ersten Satz, nur langsamer, pantoffliger. Mich erinnert die Musik an eine Haydn-Parodie. Hören Sie zum Vergleich das Thema des langsamen Satzes aus Haydns Sinfonie Nr. 91.

Variation 1: Genauso beginnt die „Rhapsody in Blue“ von Gershwin, allerdings halte ich das für einen Zufall (anders als der Wikipedia-Artikel). Die Variation bleibt noch sehr nah am Thema, das anschließend sogar wörtlich wiederkehrt, so dass man das „Thema“ und die „Variation 1“ wie eine musikalische Einheit hören kann.

Variation 2: Nun geht der Spuk los. Trompeten und Streicher spielen wilde Fanfaren, die die Motive des Themas teilweise übernehmen und teilweise auf den Kopf stellen.

Variation 3: Das hier ist nun Prokofjews „moderne Linie“. Teufelsmusik. Aber keine Sorge, die Musik trägt nur die Maske des Brutalo, es wird recht schnell wieder melodisch.

Variation 4: Hier enthüllt sich die märchenhafte Stimmung, aus der heraus der ganze Satz verstanden werden sollte. Die Variation ist langsam und geheimnisvoll. Das Grübeln einer Hexe, erotische Musik, aber auch „Geschichten der alten Großmutter“, wie Prokofjew eine kleine Klaviersammlung einmal nannte.  Wunderschöne Musik.

Variation 5: Wieder modernistisch: Diesmal eine Art Marsch. Die wilden Fanfaren jagen auf einen Höhepunkt zu: magische Naturmusik, und: Herr Haydn spaziert wieder – im Orchester, während sich das Klavier allmählich beruhigt. (Reprise).


Dritter Satz: Allegro ma non troppo

Freie Reihung (in etwa A-B-A`-Form)


Anmerkungen  

Das ist nun ein echter Hexentanz, (hier noch ein zweiter, da fliegen sie auf ihren Besen – und dann beide auf einmal) in der Tradition eines romantischen „Dance Macabre“, oder auch eines Mephisto-Walzers von Franz Liszt. Fassen wir alle drei Sätze zusammen, so können wir sagen: Die Stadt als Urwald, als Märchenspuk und noch einmal: als Tanz auf dem Vulkan, nur dass eben Hexen tanzen. In der Mitte (B-Teil) ein langsames, sündiges Liebesthema, dazwischen Uhrenmusik: Wessen Zeit läuft da ab? Zwischendurch fast Unspielbares für den Teufelsgeiger, pardon, die Teufelspianistin.

Verlagsinfo Collected Works (Собрание сочинений), Vol.5
Moscow: Muzgiz, 1957. Plate M. Г..
Nachdruck Melville, NY: Belwin Mills, n.d.(ca.1979). Plate 5039.

Hierzu hat Prokofjew eine spezielle Spieltechnik entwickelt. Sie sehen im obigen Notenbeispielen viele Sekunden, ähnlich dieser:

Davon allerdings viel mehr und in einem Wahnsinnstempo. Das schafft man allerdings nur (und das ist die neuerfundene Technik), wenn man mit einem Finger nicht AUF eine Klaviertaste drückt, sondern auf den Zwischenraum ZWISCHEN zwei Tasten. Dann drückt man nämlich mit einem Finger zwei Tasten. Tja. Und das nun in diesem Tempo.

Am Schluss schlagen Zigeuner die Gitarren.