Dieses Klavierkonzert ist berühmt berüchtigt. Jeder Pianist, der etwas auf seine Virtuosität hält, muss es irgendwann aufnehmen. Die seriösen, solche, die sich auf Wiener Schulen spezialisieren, lassen es links liegen, was ein deutliches Statement ist: Ich verkaufe mich doch nicht so billig. Denn ja, diese Musik liebt Theaterdonner, Oktavgewitter und anderes Bling-Bling. Sie zeigt sich stark geschminkt – doch ist sie auch stolz genug, auf falsche Tiefe und Naturmystik zu pfeifen und letztere als das bloßzustellen, was sie ist: Attrappe und Geweih im bürgerlichen Wohnzimmer. Die Glassaugen eines Hirschkopfes sehen vieles und schweigen darüber. Diese Musik redet. Und ihr Komponist tat recht daran, dass er dieses Kind seinen anderen stets vorzog. Ein überaus diesseitiges Tanzspiel auf dem Vulkan wird hier gefeiert. Voller genialer Musik – man muss nur das analytische Besteck hervorholen. Gleichzeitig sollte man bei der Motivik nicht stehenbleiben, sondern darf das Klavierkonzert als sinfonische Dichtung begreifen, wie so viele Musik dieser Zeit – und erst recht dieses Komponisten. Beherzte Deutung eines verschwiegenen Programms ist angesagt. Sie rückt das Werk in die Nähe eines anderen, scheinbar weit entfernten: der tragischen vierten Sinfonie.


Klavierkonzert Nr 1 in b-Moll. Entstanden 1874.

Erster Satz: Allegro non troppo e molto maestoso

Zweiter Satz: Andantino semplice

Dritter Satz: Allegro con fuoco


Erster Satz: Allegro non troppo e molto maestoso

Sonatenhauptsatzform mit langsamer Einleitung.

Erstes Thema: stolzes Reiterthema. Seinem Rhythmus nach (kurz-lang, kurz-lang) westslawisch, polnisch.

Zweites Thema a: schönes lyrisches Thema in russischer Schumann-Nachfolge. Ist weit mehr als nur eine Episode, sondern viel eigenständiger als das eigentliche erste Thema. Beginnt ebenfalls im Kopfmotiv mit „kurz-lang“.

Zweites Thema b: Wie ein Kinderlied, gedämpfte Streicher. Verwandt mit dem Julia-Thema aus Romeo und Julia.

Exposition (bis 9;40)


Langsame Einleitung (bis 4;31); Exposition (bis 9;40); Durchführung (bis 13;22); Reprise (bis 18;45); Coda.


Anmerkungen I

Wenn man nur die beiden Hauptthemen benennt, hat man das Wichtigste ausgesparrt: die langsame Einleitung. Diese ist so wuchtig, dass sie von allen Zuhörern spontan als das Hauptthema wahrgenommen wird. Mit dieser Musik ist Tschaikowski der berühmteste Beginn eines Klavierkonzertes gelungen – ein Anfang, den jeder kennt.

Die allgemeine Wahrnehmung sollte man ernst nehmen: Dieser Beginn ist nur auf dem Papier eine „langsame Einleitung“. In Wirklichkeit leitet der Teil nichts ein, sondern ist selbst bereits die Hauptsache – eine, die über den Satz selbst hinauswirken wird. Dass diese „Einleitung“ eine eigene Präsenz besitzt, merken wir schon daran, dass sie im 3/4-Takt steht; der eigentliche Satz (ab der Exposition) ist in in 4/4-Takt geschrieben.

Wir sollten deshalb die „Sonatenhauptsatzform“ einmal beiseiteschieben und die Form neu überdenken.

Ein „Hauptthema“ aus zwei Teilen:

Ein „Schicksalsmotto“ im Horn (in Moll) und

eine stolze Ausgangsmelodie in Des-Dur.

Akademisch gesehen spricht gegen das „Hauptthema“, dass es nur zu Beginn erklingt und nicht wieder aufgenommen wird. Allerdings kann man diese Musik auch anders hören: Das Hauptthema ist der Ausgangspunkt einer Reise. Das „Schicksalsmotto“ taucht in freier Umkehrung (Mutation) wieder auf, bis es sich schließlich sanft verflüchtigt. Die Brücke zwischen dem Schicksalsmotto und dessen Mutation bilden Klang (Horn wird zu Posaune / Horn) und Rhythmus (ähnlich dem „Schicksalsmotiv“ von Beethoven).

Es gibt damit zwei Gegenpole: Die offizielle Welt der „stolzen Ausgangsmelodie“ und die private Welt des „zweiten Themas“. Dazwischen wirken das Schicksalsmotto und dessen Mutationen.


Anmerkungen II

Hören wir dieser Musik wie einer symphonischen Dichtung zu, die uns eine Geschichte erzählt. Ein Drama in folgenden Stationen:

Schicksalsmotto

Stolze Ausgangsmelodie Glanz der Öffentlichkeit. Der Traum von Ruhm?

Doch das Ich schwankt, hadert mit dem Schicksalsmotto.

Die Reise beginnt – auf dem Pferd. (Somit würden wir das „erste Thema“ nicht als „Thema“ hören, sondern als den Beginn einer Überleitung.)

Die Reise führt nach Innen. Diese private Innenwelt bildet das lyrische Gegengewicht zur stolzen offiziellen Ausgangsmelodie. Nimmt sich viel Zeit.

Eine zarte Nebenmelodie gesellt sich hinzu.

Doch diese „Nebenmelodie“ zeigt im Verlauf noch ein anderes Gesicht. Hier verbindet sie sich mit dem Reitthema (Flöten).

Die „zarte Nebenmelodie“ wird immer bedrängender. Diese Steigerung ist regelrecht aggressiv (bis circa 10;35).

Dass eine lyrische Melodie beim Tschaikowski ihr Wesen ändert, haben wir schon kennengelernt – im „Romeo und Julia„. Hier wurde aus dem sanften „Klosterthema“ ein starkes „Liebeskampf-Thema„.

Dann plötzlich: Das Klavier stürzt ab.

Ein Rezitativ. Einsamkeit. (Solokadenz)

Das Klavier klagt. Die Klagemotive sind ganz ferne Echos des Schicksalsmottos. Deszendenzmelodik. 

Zwischendurch hören wir Motive, die das zweite Thema im viel schnelleren Tempo melodisch aufnehmen.

Die Klage wächst aus. Sie wird ihr fernes Echo finden in der Klage der vierten Sinfonie (beide im Zentrum einer Durchführung).

Nun taucht das Schicksalsmotto wieder auf – als Mutation, aber deutlich erkennbar. Es wird fortgeführt (bis 12;53) und mit Reitmotiven verbunden.

Diese bereiten das Reiterthema vor. Es hat nun sein Hauptmerkmal (den Rhythmus) eingebüßt und zeigt sich als das, was es wirklich ist: eine Überleitung – in die

Innenwelt. Hier findet das Ich Trost.

Und jubelt. Von nun an belebt sich die dramaturgische Fieberkurve wieder: Abwechselnd steigt und fällt sie.

Erst: Rückzug ins Innere (Solokadenz); Motiv der Innenwelt.

Verwandlung. Die „zarte Nebenmelodie“, die zwischendurch ein bedrohliches Gesicht zog, taucht nun als luftiges Gebilde auf. Wie ein Traum. Danach Steigerungen und Abstürze.

Die „zarte Nebenmelodie“, nun sanft und freundlich, beendet jubelnd den Satz.


Anmerkungen III

Noch einmal: Das private „zweite Thema“ (Innenwelt) bildet das Gegengewicht zur öffentlich glänzenden „Ausgangsmelodie“, die als solche nie wieder erklingt. 

Beide Melodien sind miteinander verwandt, allerdings ganz fein: Das Kopfmotiv des „zweiten Themas“ taucht (im beinahe identischen Rhythmus kurz-lang-kurz) als zweites Motiv der Anfangsmelodie auf – in der Umkehrung (auf dem Kopf) 

Das könnte man für einen Zufall halten. Doch ist der Rhythmus in beiden Fällen ungewöhnlich und bildet damit die eigentliche Brücke. Dass jeweils die „Zwei“ verlängert und betont wird, trifft auf beide Themen überdeutlich zu (im „zweiten Thema“ als halbe Note; in der „Ausgangsmelodie“ als punktierte Viertelnote auf einem melodischen Höhepunkt). Diese Betonung / Verlängerung einer eigentlich schwachen Zählzeit „Zwei“ kommt nur selten vor und ist ein deutliches Merkmal, das diese Musik prägt. 

Dem gegenüber stehen das „Schicksalsmotto“ und die „zarte Nebenmelodie“ (Thema 2 b). Beide stellen sich im Verlauf als verwandt heraus und betonenen regelkonform die Zählzeiten Eins (und Drei). 

Somit prägen zwei rhythmische Kräfte den Satz: „Betonung auf der zweiten Zählzeit“ gegen „Betonung auf der ersten Zählzeit“. 

Nun fehlt noch das erste Thema, also das Reiterthema. Es beginnt mit der rhythmischen Formel „kurz-lang, kurz-lang, kurz-lang, kurz-lang, kurz-lang“ – also mit der Verlängerung auf einer zweiten Zählzeit. Das spräche eigentlich für das Prinzip „Betonung auf der zweiten Zählzeit“, denn Verlängerung wird normalerweise (etwa in Deutschland) als betont empfunden. Allerdings betont Tschaikowski dieses Reitthema unüblich, das heißt: auf der ersten (kurzen) Zählzeit. Das spricht wieder für das Prinzip „Betonung auf der ersten Zählzeit“. Diese rhythmische Spielerei sorgt dafür, dass das Reiterthema eine Balance zwischen beiden Prinzipien hält. Gleichzeitig sorgt diese Betonungsverschiebung für den westslawischen Charakter des Reitthemas. In Polen etwa sind solche für deutsche Ohren „merkwürdigen“ Betonungen üblich.

„Betonung auf der zweiten Zählzeit“ gegen „Betonung auf der ersten Zählzeit“: Beide rhythmischen Gegenkräfte bündelt genial das „Schicksalsmotto“. Die auftaktigen Hörner betonen die starke „Eins“. Der heftige Streicherschlag fällt wie ein Beil auf die eigentlich schwache „Zwei“ herab. 

(Vereinfachte Schreibweise, um das Prinzip darzustellen)

Solche Kleinigkeiten sind wichtig. Tschaikowskis Musik und ganz besonders das erste Klavierkonzert werden nämlich von Fachmusikern nicht wirklich ernst genommen – und deshalb nicht genau genug analysiert. Dabei ist die Popularität dieser Musik kein historischer Zufall, sondern fußt auf musikalischen Qualitäten, die genial gehandhabt werden – die man allerdings auch wahrnehmen muss. 


Zweiter Satz: Andantino semplice

Mischform: Langsamer Satz und Scherzo

Dreiteilige Liedform ABA‘

A-Teil

B-Teil (Scherzo)


Anmerkungen

Dieser Satz will hübsch sein – im besten Sinn des Wortes, also modisch, ein französicher Bonbon, eine Kleinigkeit, die ablenkt, beschwipst und tröstet. Für das Beschwipst-Sein sorgt mal wieder der Rhythmus.

Französicher Bonbon: In der Tat kommt in der Mitte ein dummer kleiner Schlager aus Paris vor, das Liedchen „Il faut s’amuser, danser et rire“ vor. „Man muss sich vergnügen, tanzen und lachen“ – das sagt sich Tschaikowski ja auch im Finale seiner vierten Sinfonie.

Bereits der Beginn wirkt französisch: Pizzicato-Streicher und Flöte, das erinnert an die urfranzösische Kombination Flöte-Harfe.

Die Flöte spielt eine kleine Melodie in 6/8-Takt, wie sie damals beliebt waren. Diese Melodie schwebt etwas zwischen einer Barcarole und einer Pastorale. Beiden Charakteren haftet etwas sanft erotisches an: Die Flöte könnte etwa ein Hirtenjunge spielen, in der Barke genießt ein Paar sanft schwebend ihr Rendezvous.

Die Melodie beginnt stets mit folgendem Kopfmotiv. Nur nicht bei ihrem ersten Erklingen – hier knüpft Tschaikowski eine melodische Brücke zum zweiten Thema im ersten Satz.

Schon bald gerät die kleine Melodie aus dem Tritt. Der Komponist verlagert Taktschwerpunkte, vollführt merkwürdige Modulationen und erzeugt langsam eine beschwipste Atmosphäre. Prompt wird die Barcarole zu einer Pastorale: einem erotischen Schäferspiel. Dabei sind wir immer noch in einem französischen Salon: Das (verdoppelte) Solocello steht hier nicht wie beim Grieg für Naturmystik, sondern im Zusammenspiel mit dem Klavier für die bürgerlich sentimentale Sphäre der Kammermusik. Naturmystik ist der Musik Tschaikowskis eher fremd.

Die Wiederaufnahme der Barcarole geschieht auf schwankendem Boden: Der Pianist kann die „Eins“ nicht finden und schlägt leicht daneben.

„Der Schwips in der klassischen Musik“ – das wäre doch einmal ein schönes Thema. Das plötzlich hereinbrechende Scherzo ist die besoffene Variation der bereits leicht alkoholisierten Modulation aus dem A-Teil.

Versuchen Sie hier einmal den Takt zu zählen! Ich kann es nicht. Das Vergnügen der Anarchie – und wenn das französische Schlagerchen erklingt, ist endlich die Frage angebracht: Sind wir hier vielleicht in einem Moskauer Bordell „à la française“?


Dritter Satz: Allegro con fuoco

Sonatenhauptsatzform mit Rondoelementen. Ich beschränke mich auf die Themen.

Erstes Thema a: In der Art eines ukrainischen Volkstanzes, derb und lustig.

Erstes Thema b: Volkstanz-Refrain

Zweites Thema: War das vorhin ein Tanz, so ist es nun ein Lied: sentimental, aber schön, man will sich einhaken, mitsingen, mitschunkeln. 


Anmerkungen I

Sie hat sich lange zurückgehalten, doch hier kommt sie endlich und darf den Satz beschließen: die Apotheose. Natürlich eine Zarenhymne. Aber eine schönere und menschlichere als in den Sinfonien: Klavier und Orchester stimmen gemeinsam ein und – schunkeln! Die Zarenhymne ist das schöne Lied, das nun zum Choral wurde. Der romantische Held und das Volk werden wieder eins, wie im stolzen Traum ganz zu Beginn – der Alkohol hat womöglich etwas nachgeholfen.

Denn die Apotheose ist Ziel und Endpunkt der Reise, die mit der „langsamen Einleitung“ im ersten Satz begann. Beide stehen in 3/4-Takt und teilen sich Tempo wie Charakter. Ein stattlicher Rahmen, der einen auf etwas bringt: Bereits die langsame Einleitung im ersten Satz war eine Apotheose! Natürlich: Eine Apotheose ist immer ein Traum von Gottwerdung – wahrscheinlich geht es hier um Menschwerdung, doch das narzisstische kleine Ich denkt sich Reifung sofort auch als Weltkarriere (James-Bond-Leben, Nobelpreis, roter Teppich etc). Das Konzert endet also wie es beginnt: überstürzend göttlich. Zwei mächtige dorische Säulen: dazwischen Szenen eines Künstlerlebens zwischen Einsamkeit und Bühne, Volkstanz und Bordell. 


Anmerkungen II

Doch es steckt noch mehr in diesem Satz, der in vielerlei Hinsicht eine Brücke zum ersten schlägt.

Zum Beispiel findet sich hier das alte rhythmische Spiel wieder: „Betonung auf der zweiten Zählzeit“ gegen „Betonung auf der ersten Zählzeit“. Die „falsche Zwei“ betonen die Volkstanz-Themen Eins a und b. Das zweite Thema schlägt wieder vertraut die Eins. 

Das Reiterthema aus dem ersten Satz findet sich wieder, wie auch die Klage. (hier erster Satz). Diese allerdings ebenfalls beschwipst.