Vivaldis „Jahreszeiten“ sind zu berühmt geworden. In breiten Kreisen gelten sie als „Klassik für Millionen“. Man hört sie nebenher und wenige nehmen sie wirklich ernst. Außerdem gibt es gefühlte 3 Millionen Aufnahmen. Und jetzt kommt es: Ich finde nur eine einzige, die ich empfehlen könnte. Gerade diese jedoch zieht vielen Vivaldi-Hörern die Schuhe aus. Umso besser für die Musik. Es handelt sich um eine alte Aufnahme mit den Harnonourts. Auf youtube habe ich sie als Schallplatte gefunden, deshalb gibt es viele Störgeräusche. Besorgen Sie sich das Original, nach dem Sie etwas suchen müssen. Die Doppel-CD von 1976 findet man nämlich unter dem Namen „Antonio Vivaldi: Concerti op.8 Nr.1-12“. Es gibt darauf noch mehr Vivaldi-Konzerte. Für mich bleibt das die lebendigste Auseinandersetzung mit dem Komponisten, die ich kenne.


Vivaldi „Jahreszeiten-Konzerte“ wurden 1725 als Teil seiner Sammlung Op. 8 veröffentlicht.

Concerto Nr. 1 in E-Dur „Der Frühling“

1. Satz: Allegro 
2. Satz: Largo e pianissimo sempre 
3. Satz: Allegro

Es handelt sich hierbei um barocke Programmmusik. Der Komponist fügte den Konzerten Sonette an (wahrscheinlich von ihm selbst verfasst), die den Inhalt der Musik erklären. Hier das Frühlingsgedicht:

Der Frühling

Der Frühling ist gekommen und freudig
begrüßen ihn die Vögel mit fröhlichem Gesang.
Die Bächlein fließen zum Säuseln der Zephirwinde
mit sanftem Murmeln.

Indessen: Kommen, den Himmel mit schwarzem Mantel bedeckend,
Blitze und Donner, sie sind zur Ankündigung ausersehen.
Dann, nachdem es wieder still geworden,
beginnen die Vöglein aufs neue ihren Zaubergesang.

Daher schläft nun auf blühender, lieblicher Wiese
unter dem angenehmen Säuseln der Zweige und Blätter
der Schäfer, den treuen Hund zur Seite.

Zum festlichen Klang des bäuerlichen Dudelsacks
tanzen Nymphen und Hirten unter ihrem geliebten Himmelszelt,
da der Frühling glänzend erscheint.


1. Satz: Allegro 

Ritornellform ( Freie Zwischenspiele und „Refrains“/“Ritornelle“ im Orchester)

Ritornell (in etwa „Refrain“): „Der Frühling ist gekommen“ Das strahlende Thema, das den Frühling begrüßt, imitiert eine Fanfare. Echo-Effekte sorgen für Raumillusionen Nah-Fern.


Anmerkungen

Das Solokonzert war zu Vivaldis Zeit eine neue Form, die der Komponist maßgeblich entwickelt hatte. Üblich war das Concerto Grosso, also ein Konzert für mehrere Soloinstrumente und Streichorchester. Beide Formen verschwimmen ineinander. So gibt es auch hier Stellen, an denen nicht eine, sondern drei Sologeigen spielen.

Der erste Satz greift die Bilder der ersten und zweiten Strophe auf.

Der Frühling ist gekommen und freudig
begrüßen ihn die Vögel mit fröhlichem Gesang.
Die Bächlein fließen zum Säuseln der Zephirwinde
mit sanftem Murmeln.

Indessen: Kommen, den Himmel mit schwarzem Mantel bedeckend,
Blitze und Donner, sie sind zur Ankündigung ausersehen.
Dann, nachdem es wieder still geworden,
beginnen die Vöglein aufs neue ihren Zaubergesang.

„freudig begrüßen ihn die Vögel mit fröhlichem Gesang“.  Dieser berühmte erste Vogelgesangseinstieg ist hochinteressant, handelt es sich hier doch um eine Art Kanon über einen verzierten Ton für drei Sologeigen. Es ist bis heute nicht klar, wie dieser Kanon genau zu spielen ist. In den Noten sieht eine Stimme so aus:

Diese kleinen Häckchen sind Verzierungen. Die Frage jedoch lautet: Wie soll man das spielen? Ein Bogen über den Noten bedeutete nämlich zu Vivaldis Zeiten nicht dasselbe, was es heute bedeutet! Das ist kein Legatobogen! Auch ein Punkt über einer Note bedeutete nicht unbedingt, dass diese Note kurz gespielt werden sollte. Ein Bogen über mehreren Noten konnte damals auch bedeuten, dass der erste Ton lauter und deutlicher gespielt wird und die nachfolgenden Töne immer leiser und flüchtiger – also auch etwas schneller. In einem 4/4-Takt hatte jede Zählzeit eine Art natürliche Betonung: Die 1 wurde stärker betont, als die 3, die 2 und die 4 wurden schwächer betont als die 1 und 3. Selbiges galt für Achteln. Punkte über den Tönen konnten bedeuten, dass diese „natürliche“ Betonung hier aufgehoben wurde.

Mit anderen Worten: Ein solches Notenbild kann man nicht einfach abspielen, man muss es deuten. Ich würde sagen, dass die Bögen über den Tönen besagen, dass die Töne darunter sich leicht beschleunigen – so dass der Übergang von Viertel zu Achtel allmählich vollzogen wird und nicht als Verdopplung. Das im Kanon klingt wirklich wie das Durcheinander von Vögeln (ein ähnliches Durcheinander von Hunden, Pferden und Menschen haben wir zu Beginn von Bachs Brandenburgischem Konzert Nr. 1). Ganz falsch hört man das in den meisten konventionellen Aufnahmen, wo die Vögel wie Soldaten nach Metronom pfeifen.

 „Die Bächlein fließen“: Die Wellen bestehen aus Seufzern.

„zum Säuseln der Zephirwinde mit sanftem Murmeln“: Geigen säuseln, Bässe murmeln

„Blitze und Donner“: Donner / Blitz

„Dann, nachdem es wieder still geworden, beginnen die Vöglein aufs neue ihren Zaubergesang“: Sie trauen sich noch nicht ganz…


2. Satz: Largo e pianissimo sempre 

Nachahmung einer Arie


Anmerkungen

Die Bässe schweigen den ganzen Satz über.

Der zweite Satz greift die Bilder der dritten Strophe auf.

Daher schläft nun auf blühender, lieblicher Wiese
unter dem angenehmen Säuseln der Zweige und Blätter
der Schäfer, den treuen Hund zur Seite.

Die Geige singt Schäfer-Arie. „Schäferarie“, „Säuseln“ und „Hund“ laufen parallel. Beim Harnoncourt hört man diese Überblendungen besonders gut. Das hier ist nicht mehr „hübsch“.

„unter dem angenehmen Säuseln der Zweige und Blätter“: Das „Säuseln der Zweige und Blätter“ übernehmen die Orchestergeigen.

„treuer Hund“: Er bellt – sehr laut und grob zu spielen in der Bratsche. (Nicht allerdings beim Herrn von Karajan, da bellt er nicht, da singt er ein Lamento)


3. Satz: Allegro

Ritornellform

Ritornell: Lustiger Tanzreigen.


Anmerkungen

Hier kann man die barocke Ritornellform gut üben. Sie besteht aus Ritornellen und Zwischenspielen. Die Ritornelle spielt das Orchester. In den Zwischenspielen spielt der Solist – oft nur vom Basso Continuo begleitet ( Was das „Basso continuo“ ist erfahren Sie hier).

Hier, die letzte Stroffe des Gedichts, auf den sich die Musik bezieht:

Zum festlichen Klang des bäuerlichen Dudelsacks
tanzen Nymphen und Hirten unter ihrem geliebten Himmelszelt,
da der Frühling glänzend erscheint.

Bei einem Dudelsack klingt immer der berühmte Bordun mit – die lange, tiefe Quinte, die oft in der klassischen Musik nachgeahmt wird: so auch in diesem Satz. Sie hören deutlich die langen liegenden Töne im Bass und Bratsche. Dieser Bordun ist der Grund, warum im zweiten Satz der Bass geschwiegen hatte: Damit seine „Verkleidung“ als Dudelsack im dritten Satz umso deutlicher auffällt.